Grundschüler lernen Demokratie

Lesedauer: 6 Min
 Diskutieren, Meinung bilden, Abstimmen - so lernen Kinder Demokratie schon in der Grundschule.
Diskutieren, Meinung bilden, Abstimmen - so lernen Kinder Demokratie schon in der Grundschule. (Foto: Olaf E. Jahnke)
Olaf E- Jahnke

Rund 100 Kinder versammeln sich etwa alle sechs Wochen im Foyer der Grundschule Neukirch, um ihre Schule mitzugestalten. So auch in der vergangenen Woche. Ein Ortsbesuch.

Es sitzen alle Schülerinnen und Schüler im Kreis, erstaunlich diszipliniert, jedenfalls zu Beginn. Und wenn im Laufe der Versammlung dann doch zu viel geredet wird, ertönt ein Gong. Die Themenorganisation dieser Sitzung haben die vierten Klassen übernommen, aber auch Dritt,- Zweit- oder Erstklässler dürfen sich melden.

Lehrerinnen sitzen auch dabei - aber die dürfen nicht abstimmen und kommen auch nur ganz gelegentlich zu Wort, so ist die Regel. Der Versammlungsvorsitzende, dieses Mal der Schüler Frederik Fluck, fasst die jeweiligen Themen zusammen und eröffnet die Diskussion. Nach einer Weile kommt es dann zur Abstimmung. Das ist anspruchsvoll zu formulieren, so eine Abstimmungsfrage, bei Unklarheiten hilft eine Lehrerin. Zunächst werden Beteiligungs- oder Themenkästen ausgewertet, die es an der Schule gibt. Die sind in drei Kategorien aufgeteilt: Lob, Kritik und Vorschläge. Lob gibt es diesmal keines, aber der erste Kritikpunkt sorgt für einige Diskussionen und Meinungsäußerungen von Schülern aller Altersklassen. Es geht um mitgebrachtes tolles Essen, die Unsitte, dass von anderen Schülern oft darum gebettelt wird, etwas abzubekommen. Es gehe dabei nicht nur ums attraktive ungesunde Süße, auch Obst oder Gebäck könne Anlass sein, danach zu fragen, so die Meldungen. Außerdem auch leckere Getränke, wirft einer der Schüler ein. Aber höflich zu fragen, sei doch gerechtfertigt - im Unterschied zum drängenden Betteln, schlägt ein Mädchen vor. Oder ob Tauschen statt Betteln gehe, meint wieder ein anderer. Die Abstimmung nach kurzer Zusammenfassung fällt eindeutig und mit großer Mehrheit aus und lautet: Essen tauschen: Ja, um Essen betteln: Nein.

Die Demokratie im Schulhaus in Neukirch, sie funktioniert. Ein weiteres großes Thema ist die Apfelkiste der „Schulobst-Initiative“, die den Grundschülern eigentlich zur Verfügung stehen soll. Hier geht es darum, dass nicht genug Äpfel für alle da sind, dass der „Apfeldienst“ festgestellt hat: es verschwinden Äpfel und das Aufteilen der Äpfel reicht nicht. „Es müssen mehr Äpfel her- und weniger verschwinden“, sagt ein Mädchen bestimmt – dafür gibt es Beifall im Plenum. Die Problematik stellt sich als vielschichtig heraus, letztlich müssten einfach mehr Äpfel für die Kinder bestellt werden. Auch dafür stimmt eine überwältigende Mehrheit.

Ein Thema, das für etwas mehr Unruhe sorgt, sind die Toiletten, mit Regelungs-, Wartezeit- und Hygieneproblemen. „Das hat ewig gedauert, der Riesenstinker war eklig, da waren mehrere Schüler auf der Toilette“, lautete eine Beschwerde. Die Vollversammlung nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um ihre Schule geht. Und so ergibt die Abstimmung dann, dass man sich besser an die Regeln halten wolle. Auf die bekannten Kloregeln wird dann auch noch mal aufmerksam gemacht, von Seiten der Schüler aber auch von Seiten der Schulleitung.

Weitere Themen sind unter anderem das Mitspielen auf dem Pausenhof: Hier wird eine Regelung durch die Klassensprecher abgelehnt, dafür soll dann kurzfristiges Fragen und Mitspielen immer möglich sein.

Keine Mehrheit hat die Aufforderung zur Spendenaktion „UNICEF liest“ gefunden, stattdessen soll es eine eigene Spendenaktion für hungernde oder bedürftige Kinder geben - mit Hilfe der Eltern und Waffelverkaufsaktionen. Das wird mit nur drei Gegenstimmen ganz eindeutig beschlossen.

Dann ist es aus mit der Konzentration der Grundschüler, denn ein Fuchs läuft am helllichten Tag über den schneebedeckten Schulhof. Aber die wichtigsten Themen sind bereits besprochen, und es ist eh Pausenzeit. Themen wie Schneeballwerfen und Schulglocke werden auf das nächste Mal vertagt.

„Nein die Schulleitung wird dadurch nicht überflüssig“, sagt Schulleiterin Simone Fuoß-Bühler und lacht. „Diskussion mit allen Beteiligten und Argumente helfen der Einsicht“, sagt sie. Dass die Schüler mitmachten, ändere ja nichts an den Rahmenbedingungen und dem Lehrplan. Fuoß-Bühler betont: „Sich zu äußern und gehört zu werden, ist eine besondere persönlichkeitsbildende Situation und eine das Selbstbewusstsein stärkende Erfahrung.“

Die Vollversammlung sei gleichzeitig Erziehung zur Demokratie, politische Bildung, darüber hinaus Beteiligung und Engagement für tägliche Probleme. Zugleich erlangten die Kinder auch die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen.

Dass Gestaltungswille gefördert und gefordert werde, sei überlebenswichtig für die Demokratie, so die Schulleiterin.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen