Schwäbische Zeitung
Olaf E. Jahnke

Im Rahmen des Projekts „Wir lesen“ der Schwäbischen Zeitung geht es auch darum, dass Zeitungsredaktionen bei einigen Unterrichtsprojekten helfen, Türen zu öffnen, Kontakte herzustellen und Gesprächspartner für spannende Themen zu finden. So kam es, dass am Mittwoch die Schüler der Klasse 3b der Grundschule Neukirch zur Pflegeeinrichtung St. Konrad im Verbund der St. Jakobus Behindertenhilfe nach Haslach gefahren sind.

Ein paar erstaunte Blicke hat es gegeben, bei der Begrüßung auf dem Einrichtungsgelände mitten im Ort. Für 15 Drittklässer mit Klassenlehrerin und Schulleiterin Simone Fuoß-Bühler gibt es zum Empfang nicht nur freundliche Worte von Einrichtungsleiter Siegfried Groll. Auch Heim-Bewohnerin Hedwig, deren Erscheinung durch Down-Syndrom und Halbglatze geprägt ist, lässt es sich nicht nehmen, die Besucherschar herzlich zu begrüßen. Ihre Erscheinung beeindruckt die Kinder und trägt zur Freundlichkeit des Empfangs wesentlich bei. Dass es viele unterschiedliche Lebensumstände gibt, erfahren die Schüler, aufgeteilt in Zweier- oder Dreierteams, in verschiedenen Gruppen der Einrichtung.

Förderung und Betreuung (FUB), heißen die Gruppen für Menschen mit deutlichen Einschränkungen. Da kann es sein, dass die sich nicht – oder nur schwer bewegen können, geistig und körperlich mehrfach behindert sind. Manche können sprechen, manche sich nur mit Gesten ausdrücken – oder mit technischen Hilfsmitteln, wie einem elektronischen vorlesenden Sprachstick oder Bildern äußern. Es geht um Tagesstrukturen, um einfache Tätigkeiten oder einfach nur darum, zusammen zu sein.

Erfreulich ist die Kommunikation und Atmosphäre in den einzelnen Räumen. Die Pflegekräfte machen den Eindruck, von Natur aus schon freundlich zu sein. Die Kinder sind in der Schule ein wenig vorbereitet worden. Da vermischen sich Eindrücke von Lebensqualität, von Mitleid, von Berührungsängsten, von Schicksalhaftigkeit und Leiden mit Alltäglichem und Freude am Sein. Keine leichte Kost – aber eine eigentlich wichtige Erfahrung für Menschen jedes Lebensalters. Denn, wie der Einrichtungsleiter Groll im Gespräch berichtet: „Es haben oft weniger die Bewohner ein Problem mit den Besuchern als umgekehrt.“

Die Anfangsscheu ist jedoch schnell überwinden – und die Kinder fragen nach Namen, nach Alter, nach Verweildauer in der Einrichtung, nach Lieblingsbeschäftigungen. Und auch die Bewohner haben die Kinder einbezogen – oder gleich mit integriert.

Zum Beispiel die beiden Jungen, die der Wäscherei zugeteilt waren bilanzieren später ganz begeistert: „Helfen macht Spaß.“ Die Mehrzahl der in der Wäscherei sonst beschäftigten Menschen mit Behinderung sind nämlich an diesem Tag zu Besuch bei Sozialminister Manne Lucha in Stuttgart gewesen. „Da kamen wir gerade recht und konnten gleich richtig mitarbeiten – und Wäsche sortieren oder einordnen“, berichten sie stolz.

Bei der Seniorengruppe wird mit zwei freundlichen alten Damen und einer engagierten Helferin gemalt. Die Kunstwerke darf man natürlich mitnehmen.

In den verschiedenen FUB-Pflegegruppen werden die Schüler mit einbezogen. So dürfen sie helfen, Hölzchen für die Einrichtungsprodukte zu sortieren, spielen mit „Mensch ärger dich nicht“ in Spezialausführung oder diskutieren am Tisch und führen Gespräche mit den Bewohnern und den Betreuerinnen. Ob da schwer eingeschränkte Frauen mit Epileptikerhelm sitzen oder ein Bewohner gelegentlich mal unvermittelt Schreie ausstößt – die jungen Besucher bleiben aufgeschlossen und offen. Bei jeder Begegnung – so haben sie erfahren – kommt auch etwas zurück. Die mehrfach behinderte Frau im Rollstuhl kann sich in schwer verständlichen Worten über ihren anstehenden „48. Geburtstag“ freuen – und es ist nicht klar, ob sie damenhaft unter 50 bleiben will oder nicht. In der Werkstatt packen drei Drittklässer gleich mit an. Sie lernen, wie das mit der Herstellung der speziellen Grill-Feueranzünder in der Werkstatt für Behinderte funktioniert.

Rund 70 Plätze hat die Haslacher Einrichtung St. Konrad, im Verbund der St. Jakobus Behindertenhilfe. Und etliche Bewohner benötigen eine Vollbetreuung. Einrichtungsleiter Siegfried Groll betont, dass man nicht nur im Ort viele Kontakte pflege. Auch als Anlaufstelle für allgemeine oder Schülerpraktika, Projekttage oder Teilnehmer am Freiwilligen Sozialen Jahr oder dem Bundesfreiwilligendienst seien ständig als Besucher oder Mithelfende willkommen. Dabei zeige sich bei manchen sehr rasch die Affinität zum sozialen Bereich.

Zu schnell geht die Zeit herum, finden Schüler und Bewohner. Schülerin Luzie ist sich sicher: „Ich komme wieder – mit meinen Eltern, zum nächsten Einrichtungsfest“. Zum Abschluss singen noch alle mit den Ordensschwestern Andrea und Gabriela Maria des Ordens St. Immaculata vom Seraphischen Apostolat ein Lied in der Kapelle. In früheren Zeiten sind die Pflegedienste fast ausschließlich von Schwestern geleistet worden. Heute helfen in Haslach noch acht Frauen in Schwesterntracht. „Im Mutterhaus bei Ulm sind wir 38 Schwestern“, erklärt Schwester Andrea den versammelten Schülern. Und dann sollen die Kinder den Schwestern ihre Eindrücke schildern. Und das tun sie bereitwillig. Beeindruckt war einer vom „Essen ohne kauen“, ein anderer davon: „Krass, dass in der Werkstatt eine Frau arbeitet, obwohl sie nichts sehen kann“. Einige Mädchen fanden besonders toll: „Wir konnten mit den Menschen zusammen sein, egal wie sie drauf sind“. Ein anderer Schüler hat nicht nur in Werkstatt viel über Abläufe gelernt, sondern gleich noch ein paar Elemente der Gebärdensprache beigebracht bekommen.

„Jeder Mensch ist eben anders“, fasst einer der Drittklässer weise zusammen.

Mit einer kleinen christlichen Zeremonie in der Kapelle geht der Besuch unvermittelt zu Ende. Schulleiterin Fuoß-Bühler meldet auf Nachfrage zurück: „Die Kinder haben sich bei dem Besuch sehr wohl gefühlt. Sie waren einerseits mehr beeindruckt, als erwartet – andererseits begeistert, besonders von den Menschen und vom entschleunigten Leben in liebevoller Gemeinschaft.“

Man darf gespannt sein, was die Schüler über ihre Erfahrungen berichten.

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