Wenn der Dackel abhanden kommt

Lesedauer: 4 Min
Wenn der Dackel abhanden kommt
Wenn der Dackel abhanden kommt (Foto: Helmut Voith)
Schwäbische Zeitung
Christel Voith

Improvisationstheater – was ist das bloß? Muss ich da gar selber mitmachen? Das mögen einige befürchtet haben, denn das Gastspiel des Konstanzer Impro-Theaters TmbH – „Theater mit beschränkter Hoffnung“ – im Augustinum Meersburg hat nur wenige Interessenten gefunden. Die aber da waren, haben es nicht bereut. Eine leere Bühne, keine Requisiten, einheitliche schwarze Hosen und orangefarbene T-Shirts – und kein Text, keine Ahnung, was gespielt werden soll. Eine ganz schöne Herausforderung für die drei Spieler und die Musikerin am E-Piano, die sich Situationen und Emotionen zurufen lassen und dazu blitzschnell Storys erfinden und spielen, ja sogar in Windeseile Songs texten, die Bella Kokaia musikalisch begleitet.

Der lange Marc Schloßarek, der kleinere, rundere, bärtige Jens Weber und die flinke Angi Vossköhler haben’s drauf: Der Kopf hirnt, das Mundwerk läuft und die Körpersprache redet mit, mit Nachdruck sogar, wenn es gilt, dass Professor Klipperklapper nur aus Mimik und Gesten und leisen Andeutungen der Partner herausfindet, was er denn an Bahnbrechendem erfunden hat. Auf eine selbstaufräumende Geschirrspülmaschine mit Spieluhrantrieb zum Aufziehen muss man erst mal kommen. „Wir spielen für euch, was ihr wollt, wir spielen alles aus dem hohlen Bauch.“ Man staunt und studiert zugleich, ob da wohl Textbausteine existieren, die entsprechend hingedreht werden.

Immer wieder neue Muster

Damit das Spiel mit Köpfchen am Laufen bleibt, wird immer wieder ein anderes Muster aus dem Hut gezogen. Die Bühne wird in vier Quadranten geteilt, Emotionen werden zugerufen, hier sind es Stolz, Melancholie, Wut und Bewunderung. Je nachdem, wohin der Spieler seine Schritte lenkt, wechselt er blitzschnell die Emotion und bleibt doch in der gleichen Story: Auf Zuruf ist’s eine Geschichte vom „kaukasischen Dackel“, die munter fortgesponnen wird. Hoch geht’s zu auf der Bühne, wenn Kunden beim Frisör ihr Herz ausschütten. Was tun, wenn man sich versehentlich in die Tochter des Paten verguckt hat und nun die Mafia hinter einem her ist?

„Hohe Schule des Improvisationstheaters“ steht am Ende. Jeder kennt ausländische Filme, die synchronisiert werden. Einer spielt, der andere spricht und die Mundbewegungen sollten dazu passen. Was aber, wenn er zugleich eine ganz andere Rolle spielt? Wenn Spieler A Mundbewegungen macht und B den Text dazu spricht? Damit nicht genug, denn Spieler B spielt ja eine eigene Rolle, zu der wiederum Spieler C einen Text spricht.

Da spricht auch plötzlich eine Frau mit Männerstimme und umgekehrt. Kompliziert? Zum Zuhören, gewiss, aber weit mehr noch bewundert man die höchste Konzentration, die hier den Spielern abverlangt wird. Der Beifall ist groß, die Zugabe lässt nicht auf sich warten.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen