Von Einfühlungsvermögen und Sprachgewalt

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Schwäbische Zeitung
Christel Voith

Zum Abschluss der Droste-Literaturtage hat Bürgermeister Robert Scherer am Sonntagmorgen im fast vollen Spiegelsaal des Neuen Schlosses den Autorinnen Olga Flor und Julia Weber den Droste-Preis und den Literaturförderpreis überreicht.

Nicht nur die benachbarten Bürgermeisterkollegen, sondern auch Bürgermeister Klaus Gromöller aus der Heimatgemeinde der Droste, Havixbeck im Münsterland, wohnten der Feier bei, die ein Oktett der Meersburger Knabenkapelle mit Stücken aus Händels Feuerwerks- und Wassermusik sowie einer Fanfare von Bob Atwill umrahmte.

Während die Droste-Literaturtage in Meersburg seit 1948, dem hundertsten Todestag der Dichterin, jährlich stattfinden, wird der Droste-Preis, der älteste Literaturpreis für deutschsprachige Autorinnen, seit 1957 nur alle drei Jahre verliehen. Somit konnte Scherer die österreichische Autorin Olga Flor als 20. Preisträgerin willkommen heißen. Beide Autorinnen hatten sich am Vorabend mit Lesungen aus ihren jüngsten Romanen vorgestellt, nun wurden sie jeweils in einer Laudatio gewürdigt.

Die in Zürich lebende Schweizer Schriftstellerin Ruth Schweikert führte hinein in Julia Webers Debütroman „Immer ist alles schön“. Auch wenn er eine alkoholkranke Mutter vorstelle, die nicht mehr die Kraft aufbringe, für ihre zwei Kinder zu sorgen, und sie schließlich verlasse, sei der Roman keineswegs eine tabulose Milieustudie, kein Sozialkitsch, sondern lebe von einer besonderen Sprache, von Denk- und Vorstellungsräumen, reich an Bildern, Gedanken und Rätseln. Die Figuren seien von unauslotbarer Komplexität: „Keine Figur erschöpft sich, keine Geschichte wird zu Ende erzählt.“ In wachsenden Puzzleteilen habe Julia Weber der kleinen Welt Schönheit abgetrotzt. Die Begründung der Jury, die Kulturamtsleiterin Christine Johner vor der Preisverleihung verlas, sprach von einer Geschichte, die einen Sog entwickle, dem die Leserschaft nicht entkommen kann. Mit ihrer rhythmischen, teilweise sehr reduzierten Sprache und durchzogen von sanftem Humor schreibe die Autorin mit großem Einfühlungsvermögen und zugleich klar und schonungslos. Die gewählte Kinderperspektive stand schon am Vorabend im Mittelpunkt. Gerührt nahm Julia Weber aus den Händen des Bürgermeisters den Literaturförderpreis entgegen.

Von Komik und Subversion sprach Prof. Rainer Moritz, Leiter des Literaturhauses Hamburg, in seiner Laudatio auf Olga Flor. Die Preisträgerin stehe in einer guten österreich-geprägten Linie mit Jelinek, Bachmann und Streeruwitz. Auch wenn ihr jüngster Roman „Klartraum“ von ganz banalen Dingen zu handeln scheine, von einer Frau, die vom verheirateten Liebhaber verlassen wurde und die Trennung nicht verkraftet, kümmere sich Flor wenig um ihre Vorgänger, sondern erzähle von einer alle Dimensionen sprengenden Liebe: „Sie beschreibt keine Gefühle im Kuschelmodus.“ In ihrer „überzeugend ungezähmten Rückschau“ erkenne die Protagonistin, dass Liebe anarchisch sei und sich nicht steuern lasse. In einem breiten Exkurs verglich Moritz den Roman mit dem „Kollateralschaden“ von 2008, auch hier ein spannungsreiches Panorama voller verletzter Individuen: „Zündschnüre liegen überall herum.“ Moritz lobte Flors großes Erzählgeschick, ihre Subversivität und Sprachgewalt, die verblüffenden Sprachbilder. Ihre Komik sei böse und abgründig zugleich, kurz: „Wir ehren eine subversive Autorin und brillante Stilistin.“ Die Jury lobte ihr akribisches Analysieren, ihre satirische Sprachmaske, die dem Inneren Monolog breiten Raum gebe. Nach der Überreichung des Droste-Preises durch Bürgermeister Scherer blickte Olga Flor auf ihre Beziehungen zu Meersburg und der Droste.

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