Vom Weihnachtsoratorium zum Opernchor

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Vom Weihnachtsoratorium zum Opernchor
Vom Weihnachtsoratorium zum Opernchor (Foto: Helmut Voith)
Schwäbische Zeitung
Helmut Voith

Zum Dank dafür, dass die Birnauer Kantorei jeden Mittwoch den Theatersaal des Augustinums als Proberaum nutzen darf, lädt sie einmal im Jahr im Advent zum kostenlosen Konzert. Am Freitagabend hat der stimmungsvoll geschmückte Saal die Besucher fast nicht fassen können, so viele sind diesmal gekommen und haben anschließend die Spendenkörbchen gefüllt. Mit Charme hatte Chorleiter Thomas Gropper auf die vielen Unkosten der Kantorei hingewiesen.

Sehr erfreut über den riesigen Zuspruch begrüßte der Chorleiter die Zuhörer und moderierte das Programm. Wie in den vergangenen Jahren blickte der Chor mit Highlights aus dem diesjährigen Programm zurück und bot vor allem eine Vorschau auf das kommende Konzertjahr. Korrepetitor Thomas Hössler begleitete in bewährter Weise auf dem Flügel und auf einem für die Barockmusik tiefer gestimmten E-Piano.

Die schöne Pianokultur der Kantorei verriet gleich zu Beginn der innige Chor „Eia, mater, fons amoris“ aus Dvoráks „Stabat mater“. Ausgehend von einer wiegenden Bewegung im Flügel, näherte der Chor sich behutsam der liebenden Gottesmutter an. In seiner Begrüßung blickte Gropper voraus auf das Weihnachtsoratorium auf der Reichenau, aus dem die Kantorei Choräle aus den Kantaten 1 bis 3 sang, angefangen bei „Wie soll ich dich empfangen?“ über „Brich an, o schönes Morgenlicht“ aus der zweiten Kantate bis zu „Seid froh dieweil“ aus der dritten Kantate.

Dass man da „O Haupt voll Blut und Wunden“ oder „Vom Himmel hoch“ heraushört, erklärte Gropper mit dem damals üblichen Umtexten vorhandener Stücke. Besonders Glückwunschkantaten, „weltliche Eintagsfliegen“, wären ohne die „Parodien“, ohne die Wiederverwendung und Fortführung in späteren Werken verloren gegangen.Unterbrochen wurde die Folge der sehr kurzen Choräle durch Duette der Sopranistinnen Pia Gold und Irene Albrecht und Soli von drei Männerstimmen. Hier wurden gute sängerische Leistungen, aber auch Grenzen erfahrbar, doch geht es da nicht um professionelle Hochleistungen, sondern um die Freude am Singen und den Mut, aus der Sicherheit des Chores herauszutreten.

Kostproben aus „Lucia di Lammermoor“

Zusammen mit Groppers Münchner Chor wird die Kantorei im nächsten Jahr im Salem College Überlingen und in Luzern Opernchöre singen. Kostproben aus Donizettis „Lucia di Lammermoor“ und der Trimphchor aus Verdis „Aida“ zeigten eine neue Seite der Kantorei. Man konnte hier das „work in progress“ erleben, denn das Ausfeilen steht noch bevor, ebenso ist beim berühmten „Halleluja“ aus Händels „Messias“, der am 10. Juni in der Birnau zu hören ist, noch Feinarbeit zu leisten. Die Zuhörer hatten Respekt davor, dass die Kantorei und ihr Leiter sich in die Karten schauen lassen und zeigen, wie viel Arbeit es kostet, bis ein Werk für die meist nur einmalige Aufführung reif ist.

Die beabsichtigte Interpretation war an Groppers Dirigat schon deutlich zu erkennen. Insgesamt ein hochinteressanter Einblick in die Werkstatt der Kantorei.

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