Urkunden bezeugen neue Freundschaft

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Unterzeichnung einer Urkunde, die das Freundschaftstreffen 2019 in Stetten bezeugt
Unterzeichnung einer Urkunde, die das Freundschaftstreffen 2019 in Stetten bezeugt (Foto: Bernd Baur)
Bernd Baur

Der Boden ist bereitet, aus dem zarten Pflänzchen der ersten Begegnungen kann ein stabiler Baum der Freund- und Partnerschaft werden: Drei Tage lang weilten 17 französische Gäste aus Chenay in Stetten und erwiderten damit einen Besuch ihrer Gastgeber in Frankreich aus dem letzten Jahr. Die Gastfreundschaft sowie persönliche und herzliche Kontakte im Rahmen dieses Freundschaftstreffens bewertete die Delegation aus Chenay als eine sehr gute Basis für den Abschluss einer offiziellen Partnerschaft zwischen beiden Kommunen.

Nach einem Begrüßungsabend am Freitag (die SZ berichtete) konnten die Franzosen am Samstag bei einer Besichtigungstour vielfältige Eindrücke sammeln. Zuerst bei einem Stadtrundgang in Ulm, danach stellten ihnen die Ortschaftsräte bei einem Fußmarsch den Ort Stetten vor. Kulinarisch mit einem typisch schwäbischen Menu, kredenzt vom Stettener „Koch Club Geschmacksache“, wurden die Gäste am Abend in der Festhalle verwöhnt. Neben den Gastfamilien waren hier auch Vertreter der Vereine und Einrichtungen aus Stetten geladen.

Im Anschluss an den Gottesdienst am Sonntagmorgen fand am Kriegerdenkmal neben der St-Stephanus-Kirche eine Gedenkfeier zu Ehren der Gefallenen der beiden Weltkriege statt. Diese Kriege haben eine Gewaltgeschichte entfesselt, die nicht nur tief in die Kampfgebiete, sondern in die ganze Gesellschaft wirkte, sagte Bürgermeister Kai Feneberg in seiner Ansprache. „Wir sollen und wir wollen an das Leid, die Opfer, das Unglück, das viele Menschen damals ertragen mussten, gedenken.“

Auch wenn das gemeinsame Erinnern an diese Vergangenheit Jahr für Jahr immer weiter in die Ferne rückt, insbesondere für jüngere Menschen, sei dies wichtig. Denn es geht weiter, ist nicht vorbei, „überall auf der Welt wird gekämpft, wird gemordet, werden Menschenrechte mit Füßen getreten.“ Solche Gedenkfeiern, „wie sie Chenay und Stetten heute gemeinsam abhalten“ sollen zu einer Erinnerungskultur werden, die die nächsten Generationen als Verantwortung für die eigene Gegenwart übernimmt, wünschte sich Bürgermeister Feneberg.

Sein Amtskollege aus Chenay, Franck Jacquet, bat in seiner Ansprache darum, die traurigen Zahlen der Weltkriege mit den vielen Kriegstoten nicht zu vergessen. Gleichzeitig merkte er an, „dass diese Wunden eine neue Ära eröffnet haben“. Speziell in der deutsch-französischen Verständigung. Die Begegnung der Präsidenten de Gaulle und Adenauer im September 1958 sei der Auftakt zur Versöhnung gewesen, „dieses Treffen von damals führen wir heute auf unserer Ebene weiter“. Diese gemeinsame Geschichte, Grundlage von Europa wie wir es heute kennen, dauert nun schon mehr als zwei Generationen. „Wir haben jetzt seit 74 Jahren Frieden“, rief Franck Jacquet ins Gedächtnis. Diese Erfahrung müsse anderen Nationen eine Lehre sein, „wir haben eine Verantwortung“. In diesem Zusammenhang konnte sich Franck Jacquet einen Seitenhieb auf den amerikanischen Präsidenten Trump, den englischen Premierminister Johnson, der eine Revanche mit Europa will und den Brandstifter mit Namen Bolsonaro in Brasilien nicht verkneifen. „Aber auch in nahe gelegenen Ländern wie der Türkei, Ungarn und Polen ist die Politik manchmal diskutabel“, findet Jacquet. Und eingehend auf die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Chenay und Stetten („Danke für eure Freundlichkeit, euren herzlichen Empfang“) sagte er: „Ihr mögt unser Land. Wir lieben euch. Also die Champage empfängt euch mit offenen Armen“. Vive Stetten, vive Chenay. Vive L`Allmagne, vive la France, vive L`Europe, schloß Franck Jacquet. Zusammen mit seinem Amtskollegen Feneberg legte er anschließend am Kriegerdenkmal einen Kranz nieder, Klaus Rueß vom Musikverein Stetten intonierte dazu mit der Trompete „Ich hatte einen Kameraden“.

Als Erinnerung an das Freundschaftstreffen in Stetten setzten bei einem Empfang im Pfarrhaus die Bürgermeister Franck Jacquet und Kai Feneberg sowie Ortsvorsteher Manfred Staudacher ihre Unterschrift unter eine Urkunde. Sie könnte ein Vorbote von Größerem sein, wenn beide Kommunen in naher Zukunft eine offizielle Partnerschaft eingehen sollten. „Die menschliche Dimension stimmt absolut, es geht sehr herzlich zu“, sieht Hermann Weinbuch eine gute Basis hierfür. Und auch Franck Jacquet signalisiert für Chenay ein klares Ja zur Partnerschaft, „ich hoffe dass es funktioniert“.

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