Unerfüllte Sehnsüchte und eine Liebe, die zerrinnt

Lesedauer: 4 Min
Droste-Tage in Meersburg: Mit sichtlichem Spaß liest Olga Flor aus ihrem jüngsten Roman.
Droste-Tage in Meersburg: Mit sichtlichem Spaß liest Olga Flor aus ihrem jüngsten Roman. (Foto: hv)
Schwäbische Zeitung
Helmut Voith

Eigentlich sollten von den sechs Veranstaltungen anlässlich der Droste-Literaturtage mit Verleihung des Droste-Preises und des Literaturförderpreises die Lesungen der beiden Autorinnen das Herzstück sein und auf große Resonanz stoßen. Mitnichten. Halbvoll war am Freitagabend der Veranstaltungssaal im Vineum.

Eine Qual für die beiden Schriftstellerinnen und den Moderator Johannes Bruggaier war zudem das anschließende Gespräch mit dem Publikum in blendendem Licht, während das Auditorium im dezenten Dunkel saß. Kein Wunder, dass die Diskussion erstarb, ehe sie richtig in die Gänge gekommen war.

Den Anfang machte nach Bruggaiers kurzer Einführung die Schweizer Förderpreisträgerin Julia Weber, die laut Vorankündigung mit ihrem Roman „Immer ist alles schön“ eines der besten Debüts der vergangenen Jahre herausgebracht habe. Unkompliziert stellt sie sich ans Lesepult. Verwundert stellt man fest, dass eine gute halbe Stunde wie im Flug vergangen ist, als sie endet. Die Autorin hat ihre Lesung mit dem Anfang des Romans begonnen. Nach wenigen Minuten ist der Zuhörer mitten im Geschehen. Eine Mutter ist mit ihren zwei Kindern Anais und Bruno weggefahren. Sie wird zum Tanz aufgefordert, sagt mehrmals nein, gibt doch nach und kommt lange nicht zurück. Kurze Sätze folgen aufeinander, treiben die Handlung voran. Sehr viel innerer Monolog lässt den Zuhörer in die Welt der Kinder eindringen. Eine Perspektive, die gar nicht künstlich wirkt, in einer den Kindern angenäherten Kunstsprache, die sie bewusst entwickelt habe. Auf die kleine Welt der Mutter und ihrer Kinder folgt eine Passage, die die Außenwelt eindringen lässt. Anais Gedanken an die Schule geraten zum Tagtraum, der die Lehrerin zu Sand zerrinnen lässt. Die Kinderperspektive steht der Erwachsenenwelt gegenüber, das hat einen eigenen Reiz. „Es bleibt nicht so düster, es wird etwas komisch, am Schluss überwiegt sogar das Glück“, verspricht die Autorin.

Nach kurzer Pause liest die Österreicherin Olga Flor aus „Klartraum“, ihrem sechsten und jüngsten Roman. „Wie einsam so ein Ich doch ist“, stellt ihre Protagonistin „P“ fest in einer Liebesgeschichte, die das komplizierte Beziehungsgeflecht zwischen Mann und Frau zu ergründen sucht. Wieder nimmt der innere Monolog breiten Raum ein, doch dient er nicht einfach der Erhellung, sondern betont das Artifizielle, das auch in der schillernden, analytischen, satirischen Sprache zutage tritt.

„P“ hat „die Wohlfühlwolke mit Finanzkrisen hinter sich gelassen. In einer Ehe, in der „lauwarmes Desinteresse und geteilte Langeweile völlig im Normalbereich sind“, sucht sie in der Zweitbeziehung das Glück und spürt doch, wie alles zerrinnt. Noch kämpft ihr Ich für ihr Traum-Ich: „Man kann sich weigern, an einer Liebe zugrundezugehen.“

Die Autorin hat sichtlich Spaß am Vortragen ihres Textes. Im Gespräch mit dem Moderator bedauert sie, dass bisher noch kein Verlag sie ein eigenes Audiobuch lesen ließ. Eigentlich schade.

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