Simple Minds beschwören die alte Magie

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Die beiden Urmitgieder können’s noch: Jim Kerr (Mitte) und Charlie Burchill (links).
Die beiden Urmitgieder können’s noch: Jim Kerr (Mitte) und Charlie Burchill (links). (Foto: Christian Lewang)

Eigentlich hätten die Simple Minds immer nur Liveplatten aufnehmen sollen. Ihr Breitwandsound schreit noch mehr nach der Bühne als der ähnlich gelagerte von U2. Kein Wunder also, dass der Schlossplatz beim Open Air-Konzert in Meersburg voll ist– zumal Jim Kerr nichts von seiner Präsenz verloren hat. Der körperlich kleine Frontmann versteht es, große Gefühle zu wecken. Er winkt und wedelt, er will die Hände des Publikums sehen und tänzelt zu den Beats von Cherisse Osei. Die Schlagzeugerin ist erst seit einem Jahr an Bord und bringt an Gewicht wohl kaum die Hälfte des altgedienten Drummers Mel Gaynor auf die Waage – aber in Sachen Wucht steht sie ihm in nichts nach.

Stadionrock ohne Stadion ist also angesagt, denn eine große Arena füllen die Schotten im vierzigsten Jahr ihres Bestehens nicht mehr. Der Schlossplatz ist als Ersatz nur bedingt geeignet. Wer hinten steht, sieht nur Hinterköpfe. Und sieht noch weniger, als sich einige reingeschmuggelte Regenschirme öffnen – fast das ganze Konzert hindurch regnet es. „The rain is good for the skin“, sagt Jim Kerr und reißt dann mit der Band den Himmel auf: „Mandela Day“ beginnt, einer der schwebendsten Songs der Simple Minds. Als er 1989 erschien, lag in seiner Weite auch die Zuversicht vom nahen Ende der Apartheid in Südafrika. Ein Jahr später war Nelson Mandela frei. Nicht alles ist so erhebend. „New Gold Dream“ (1982) ist eine von drei oder vier Nummern, bei der die Simple Minds zwar einen treibenden Sound haben. Zu zwingenden Songs verdichtet er sich aber nicht. Trotzdem bleibt leere Rhetorik, die Kritiker den Simple Minds immer wieder vorgeworfen haben, die Ausnahme. Stattdessen punktet das Konzert mit Momenten der Überwältigung. „See the lights“ (1991) ist einer davon: der Rhythmus eines pochenden Herzens, grobkörnigen Gitarrenflächen von Charlie Burchill und Jim Kerrs Gesang, der jede einzelne Songzeile wie ein Bildhauer setzt, der eine Skulptur formt.

Nein, an Nuancen hat Jim Kerr nichts eingebüßt. Eher hat er noch eine weitere hinzugewonnen: Mitunter drückt er seine Stimme in die Tiefe, als wollte er den Gothic-Pop der Sisters of Mercy wiederbeleben. Tatsächlich suchen die Simple Minds aber andere, überraschendere Bezüge: Sie spielen David Bowies uralten Song „Andy Warhol“, und zwar mit mit der Wucht einer Schweinerock-Kombo, die sie nie waren; auch nicht zu den Anfängen, als die Simple Minds noch im New Wave verankert waren. Erfrischenderweise arbeitet sich das Konzert bis in die Gegenwart vor. Mit „Summer“ haben sie einen Song ihres aktuellen Albums „Walk between worlds“ im Programm – dem achtzehnten ihrer Karriere. Draufgängerisch röhrt Jim Kerr: „Here comes summer, here comes rain. Here comes all those energies, making me born again“. Genauso klingt das Ganze auch.

Die Simple Minds schaffen es, dass man nicht sehnsüchtig auf ihre großen Hits wartet. „Alive and kicking“ und „Don’t you (forget about me)“ stehen erwartungsgemäß am Schluss. Aber dazwischen nicken die Köpfe im lässigen Groove von „Gittering prize“, wo sich die Stimme von Backgroundsängerin Sarah Brown von ihrer wärmsten Seite zeigt. Auch „She’s a river“ ist eine ganz große Glanznummer, denn die Simple Minds zeigen hier eine Verwandtschaft zum Avantgarde-Pop der 80er-Jahre: Sie zelebrieren den Soul ähnlich weiß und unterkühlt wie damals die Talking Heads mit „Take me to the river“.

In Erinnerung bleibt das Konzert in Meersburg aber, weil die Simple Minds ihre Mitte nicht verloren haben. Sie ist immer dort zu spüren, wo Musik gelingt, die mit halboffenen Augen in die Welt schaut und einen goldenen Schimmer auf sie legt. Diese Magie erzeugt niemand, der die Dinge nur klar durchdenkt.

Man muss sich, und weniges ist schwerer, ein schlichtes Gemüt dazu bewahren. Vielleicht trägt diese Band deshalb den Namen Simple Minds.

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