Repressalien stärkten Fuchtgedanken

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 Die ehemalige DDR-Bürgerin Gunda Röstel hat bei der Landkreisfeier zum Tag der Deutschen Einheit im Hagnauer Gwandhaus gesproc
Die ehemalige DDR-Bürgerin Gunda Röstel hat bei der Landkreisfeier zum Tag der Deutschen Einheit im Hagnauer Gwandhaus gesprochen. (Foto: sig)
Siegfried Großkopf

Die „leidenschaftliche Sächsin“ Gunda Röstel hielt zum Tag der Deutschen Einheit eine politische wie auch persönliche Rede im Gwandhaus in Hagnau. Die „bekennende Gewinnerin der Wende“ stellte mit ihrem Vortrag alles in den Schatten, was an vermeintlichen Ostdeutschland-Kennern bisher zur Einheitsfeier am Gwandhaus-Mikrofon stand. Mit zum gelungenen Abend trug die Jugendkapelle des Musikvereins „Harmonie“ aus Lippertsreute unter ihrem Dirigenten Oliver Keller bei.

Die studierte Sonderschullehrerin stellte einst mit ihrem Mann erfolglos einen Ausreiseantrag aus der DDR und flog deshalb aus dem Schuldienst. Fortan stand sie mit ihrer kleinen Familie (zwei Kinder) unter permanenter Angst und Beobachtung der Stasi. Röstel war im Herbst 1989 Mitbegründerin des Neuen Forums und gründete 1991 zusammen mit anderen den sächsischen Landesverband von Bündnis 90/Die Grünen.

Oma beantragt Auto ohne Fahrerlaubnis

Im Dezember 1996 wurde sie gemeinsam mit Jürgen Trittin zur Sprecherin des Bundesvorstandes gewählt. Nach parteiinternen Differenzen um eine Reform zog sie sich im Jahr 2000 zurück. Seit 2004 ist sie kaufmännische Geschäftsführerin der Stadtentwässerung Dresden und unter anderem seit 2011 im Aufsichtsrat der EnBW. Gunda Röstel schilderte ihr Leben in der DDR, das nur in einer funktionierenden Familie, einem guten Freundeskreis und (für sie) in ihrem Engagement in der Kirche zu ertragen war. „Der Geruch von Freiheit war gleichbedeutend mit Westpaketen“, schilderte sie.

Um irgendwann eine Auto zugeteilt zu bekommen, stellte „Oma Erna“ einen Antrag, obwohl die keine Fahrerlaubnis besaß. Das Gefühl des Eingesperrt-Seins (ohne Parteibuch) sei auf Dauer unerträglich gewesen. Die Ablehnung des Ausreiseantrags einschließlich der folgenden Repressalien habe anfänglich zwar Angst gemacht, stärkte aber auch die Absicht, die DDR zu verlassen.

Für ihre Familie sei diese Zeit extrem belastend und gefährlich gewesen, zumal die Gefahr bestand, dass ihre beiden Kinder in ein Heim kommen. Rat suchte die Familie bei einem Anwalt, dem sie glaubte vertrauen zu können. Nach der Wende stellte sich heraus, dass der ein Stasi-Spitzel war.

Gunda Röstel verneigt sich vor Michail Gorbatschow, Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher, dem – wie sie sagt – besten Außenminister, „den man sich denken kann“. „Freiheit im Denken und Handeln“ steht in ihrer Werteskala „ganz oben“. Europa war vor der Wende für sie ein Traum. Aktuell ist sie enttäuscht von der mangelnden Solidarität Europas gegenüber den Flüchtlingen. Dabei müsste Europa gelebte Solidarität sein.

„Der Prozess der Einheit in den 90er Jahren war beispiellos“, sagt Gunda Röstel, nennt aber auch die gemachten Fehler, die teilweise für die Bilder aus Chemnitz mitverantwortlich sind. Und diese Fehler seien bis heute nicht aufgearbeitet. Nach Hoyerswerda hätte man das erkennen müssen. Das dürfe so nicht weiter gehen.

In den Braunkohlerevieren gehe es „ans Eingemachte“. Viele haben durch den Verlust ihres Arbeitsplatzes Verletzungen erlitten, die jetzt zum Vorschein kommen. Was nicht heiße, dass marode, heruntergewirtschaftete Betriebe hätten erhalten werden sollen. Ihre Hoffnung: Die Industrie möge die Signale als Weckruf verstehen und sich in Ostdeutschland ansiedeln. Allerdings nicht nur in den Zentren. Alte und neue Fehler müssten offengelegt werden, keiner dürfe das Gefühl haben, von der Politik vergessen zu werden. Gunda Röstel will mehr in Bildung und Weiterbildung investiert wissen und in Geschichts- und Gesellschaftswissen.

Helmut Kohl habe „blühende Landschaften“ versprochen - und Wort gehalten. Das könne jeder sehen der nach Ostdeutschland komme. Röstel sprach von einem „Mammutwerk des Wiederaufbaues“ und dankte unter großem Beifall allen für gelebte Solidarität. „Die Deutsche Einheit ist bis heute keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Geschenk“, sagt sie. Dem aktuellen Druck von rechts stellt sie das Grundgesetz entgegen, nach dem die Würde des Menschen unantastbar ist. „Gleichmacherei führt in die Irre“, hat sie erlebt, „deshalb ist auch die DDR untergegangen“.

Das Publikum dankte ihr mit landanhaltendem Beifall – und der Landrat mit einem Zeppelin-Buch. Nicht nur mit der gemeinsam gesungenen Deutschen Nationalhymne zeigte die Jugendkapelle des Musikvereins „Harmonie“ Lippertsreute, dass sie zu den besten im Land gehört.

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