Onlinehandel setzt den Winzern zu

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Lisa Weinberger

Die „klassischen“ Weintrinker sterben laut Jürgen Dietrich, Weingutsdirektor des Staatsweinguts Meersburg, mehr und mehr aus. Der Stellenwert der Winzer als Anlaufstelle für den Weinverkauf sei nicht mehr so groß, wie er einmal war. Meersburg selbst profitiere jedoch vom Tourismus, weshalb sich dort der Rückgang noch nicht spürbar auswirke.

„Das Einkaufsverhalten hat sich geändert“, sagt Dietrich. „Früher ging man regelmäßig zum Winzer. Heute hat man nicht mehr diese starke Bindung zu seinem Weinverkäufer.“ Die Konkurrenz für lokale Weinhandlungen seien zum Teil die Discounter, die mehrere Weine zu günstigen Preisen anböten, oder die anderen Supermärkte mit ihrem breiten Weinangebot. „Viele Kunden wollen sich bei der Auswahl ihres Weins nicht festlegen“, sagt Dietrich über das Kaufverhalten. Deswegen probiere man mehrere Weine aus dem Supermarkt, statt sich auf eine bestimmte Weinmarke festzulegen. Auch durch Onlineshops verändere sich die Stellung eines Weinguts.

Meersburg sei laut Dietrich weniger vom Rückgang der Weintrinker betroffen. Das liege vor allem am Tourismus. „Eine Weinflasche ist wie eine flüssige Ansichtskarte aus dem Urlaub“, sagt er. Das Staatsweingut Meersburg biete viele Führungen durch den Betrieb an. Beliebt seien vor allem aber Weinproben, die würden die meisten Zuwächse bringen. Außerdem kämen Weinkenner auch gezielt in die Weinregion am Bodensee. „Ohne den Tourismus gäbe es hier ziemlich sicher auch einen Wandel“, sagt Dietrich.

Die Zielgruppe bei Weintrinkern seien 20- bis 30-Jährige, keine Teenager. Die Jugend sei also weniger unter den Weinliebhabern vertreten, was den Rückgang ebenfalls erkläre. Jugendliche tendierten eher dazu, süßen Alkohol wie Alkopops oder diverse Mischgetränke zu trinken. Wenn sie doch mal zum Wein greifen, dann meistens zu einem süßen, sagt Dietrich. Doch das Staatsweingut setze sich dafür ein, das Weintrinken auch für die Jugend attraktiver zu machen. So bieten Azubis immer wieder Verkostungen an, zu denen sie gerade junge Menschen einladen. Auch ein Onlineshop wurde eingerichtet und auf zahlreichen Internetplattformen wie Facebook sei das Weingut ebenfalls vertreten. „Man muss sich schon an die Zeit anpassen“, sagt Dietrich. Deswegen wird auch regelmäßig am Erscheinungsbild gearbeitet: „Man muss die Tradition bewahren, aber die Art, wie man sie weiterträgt, wandelt sich.“

Bis zu 300 000 Liter Wein produziert das Staatsweingut Meersburg im Jahr. Das ergibt etwa 400 000 Flaschen. Die Zahlen seien jedoch nicht konstant, sagt Dietrich. Durch das unbeständige Wetter am Bodensee und den Klimawandel gebe es starke Schwankungen. „Es gab auch Jahre, in denen wir weniger als 200 000 Liter produziert haben“, sagt Dietrich. Der Verkauf des Weins sei aufgrund des Tourismus hingegen sehr konstant.

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