Nikolaus Henseler bringt die Musik zum Atmen

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Alle im Griff: Nikolaus Henseler dirigiert das Vokalensemble Camerata Serena beim Auftritt im Augustinum Meersburg am Sonntagabe
Alle im Griff: Nikolaus Henseler dirigiert das Vokalensemble Camerata Serena beim Auftritt im Augustinum Meersburg am Sonntagabe (Foto: Helmut Voith)
Schwäbische Zeitung
Helmut Voith

Das Meersburger Augustinum ist am Sonntagabend Schauplatz des Sommerkonzerts der Camerata Serena unter Leitung von Nikolaus Henseler gewesen, zu dem eine ansehnliche Zahl von Musikfreunden gekommen war.

Henseler, eine asketische Gestalt, lebt förmlich die Musik. Er stellt an sich und sein Vokalensemble sehr hohe Ansprüche, lotet mutig die Grenzen aus und fordert jeden Einzelnen in seinem Ensemble. Er kann auf ein Pool von fast Hundert Sängern zurückgreifen, aus denen er den jeweiligen Projektchor rekrutiert.

Sieben Männer und sieben Frauen standen diesmal auf der Bühne. Jeder Einzelne musste solistisch voll auf der Höhe sein, denn im kleinen Ensemble würde jeder Fehler sofort hörbar. Schwer zu sagen, was an ihrem Vortrag mehr gefiel: die herrliche Pianokultur oder das wunderbar geschmeidige Crescendo und Decrescendo.

Mit den kleineren Auftritten zwischen den großen Konzerten bereitet Henseler das für den kommenden März angestrebte Brahms-Requiem im Friedrichshafener Graf-Zeppelin-Haus vor – ein ehrgeiziges Unterfangen, das viel von dem an der Musikhochschule Trossingen studierenden Musiker mit abgeschlossenem Philosophiestudium verlangt.

Auch in Meersburg spürte man den geistigen Unterbau. Sehr deutlich wurde er in der eingangs von Henseler am Flügel vorgetragenen Bach-Fantasie „a-Moll BWV 922“. Der edle Klang des Flügels, die Feinheiten der barocken Komposition kamen hier zu ihrem Recht.

Es war, als ließe Henseler die Musik atmen. Er betonte die Pausen, ließ die Töne beim Zuhörer nachklingen. Er hat sich eingehend mit der Partitur auseinandergesetzt und sucht seine eigene Interpretation.

Volks- und Kunstlieder im Fokus

Später ließ er Robert Schumanns „Gesänge der Frühe“, op. 133/1 folgen und – nach kurzer Einstimmung der Zuhörer auf die Besonderheiten der atonalen Musik – „Notations für Klavier solo I, III, IV, VII und II“ des 90-jährigen französischen Komponisten Pierre Boulez. Eine Herausforderung für die Zuhörer, aber dank der Einführung spannend anzuhören. Im Zentrum des Abends standen Volks- und Kunstlieder, zu Beginn „Es waren zwei Königskinder“ und „Mädchen mit den blauen Augen“ in der Vertonung von Max Reger.

Hier, wie bei den Silcher-Vertonungen „Die Loreley“ und „In einem kühlen Grunde“ kam die Schlichtheit des Volksliedhaften voll zum Tragen, die immanente Melancholie, die Tragik, die in einem einfachen Schicksal enthalten sind. Ein herrlicher Einstieg in die Romantik, in der das Leid die Liebe oft überwiegt.

Die Anmut der Frauenstimmen, die Ausgewogenheit des Vokalensembles drangen tief ins Innere. Kunstvoll aufgebaut war Rheinbergers „Nachtgesang“, bei dem die Pianokultur besonders zum Tragen kam. Rheinberger, Brahms und Reger, der am Ende wiederkehrt, haben aus dem Geist der Romantik heraus die Textvorlagen anders gesehen. Sie versuchten sie durch kunstvolle mehrstimmige Komposition auszuloten – eine ganz andere Geschmacksrichtung wird hier angesprochen.

Text und Musik laufen auseinander, die Musik entwickelt ein Eigenleben.

Robert Schumann als Zugabe

Als Zugabe sang der Chor, am Flügel begleitet, Robert Schumanns „Bei Schenkung eines Flügels“.

Die Zuhörer standen noch lange in Gruppen beisammen, wieder einmal ist die Camerata Serena bei ihren Zuhörern sehr gut angekommen.

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