Fiese Intrige zerstört zarte Liebe

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Karen Duve stellt im Vineum Meersburg ihren Droste-Roman vor.
Karen Duve stellt im Vineum Meersburg ihren Droste-Roman vor. (Foto: Helmut Voith)
Helmut Voith

Auf sehr großes Interesse ist am Donnerstagabend die Lesung von Karen Duve aus ihrem neuen Roman „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ im Vineum Meersburg gestoßen. Kulturamtsleiterin Christine Johner begrüßte die gemeinsam von der Stadtbücherei und der literarischen Gesellschaft „Forum Allmende“ eingeladene Autorin, deren im September 2018 erschienener Roman bereits in dritter Auflage vorliegt. Sie erzählt darin von der unglücklichen ersten Liebe der 23-jährigen Annette von Droste-Hülshoff, nicht von der berühmten zu Levin Schücking, die sich erst rund zwanzig Jahre später in Meersburg abspielte.

Mit sehr gut formulierten Fragen brachte die Moderatorin Waltraut Liebl-Kopitzki, Vorstandsmitglied beim Konstanzer Forum Allmende, die in vielfacher Hinsicht ungewöhnliche Schriftstellerin zum Plaudern. Man glaubte ihr, dass sie nach einer abgebrochenen Lehre dreizehn Jahre lang Taxi gefahren ist, was nicht wenige Schriftsteller nach ihrem Studium tun, um zu überleben. „Ich wollte eigentlich schreiben, sah aber keine Chance, da rauszukommen.“ Die 1961 geborene Hamburgerin hat nicht, wie bei zeitgenössischen deutschen Autoren üblich, Literatur studiert und promoviert, sondern war eher eine Quereinsteigerin und eine Spätberufene dazu. Lang ist inzwischen die Liste ihrer Publikationen, ihrer Preise und Stipendien. Herrlich war ihre Kostprobe aus dem 2011 erschienenen Selbstversuch „Anständig essen“, in der sie beschreibt, wie schwer es eine Veganerin in einem feinen Lokal hat, noch dazu, wenn sie von den Eltern eingeladen ist und sich etwas Schönes aussuchen soll. Köstlich ihr trockener, an Sarkasmus grenzender Humor.

Dann der Wechsel zum neuen Roman. Im Mittelpunkt steht das entscheidende Erlebnis, das für die Droste nicht nur zur Liebes-, sondern zur Lebenskatastrophe wurde. Duve beschreibt, wie die junge Frau, die dem seelenverwandten, der Literatur zuneigenden Studenten Heinrich Straube nahegekommen ist, aufgrund einer familiären Intrige in die Arme von dessen adligem Freund August von Arnswald getrieben wird – zu spät wehrt sie ihn ab mit dem Bekenntnis „Ich liebe Straube.“ Die Liebe ist zerstört, sie selbst kompromittiert und zutiefst verwundet. Es gebe viel Material dazu, sagt Duve, doch die entscheidenden Briefe aus dieser Zeit habe die Familie vernichtet. So sei außer sorgsamer, aufwendiger Recherche auch die Phantasie gefragt gewesen.

Karen Duve liest mit angenehmer Stimme und liefert ein plastisches Bild der Figuren und der Zeit des jungen Biedermeier, in der die Frauen keinerlei Selbstverwirklichung zugestanden bekamen. Ihr Leben sei ganz darauf ausgerichtet gewesen, immer den Mann in den Vordergrund zu stellen und sich selbst ja zurückzunehmen. Die Autorin schlüpft beim Lesen in die verschiedenen Rollen und baut eine natürliche Spannung auf. Als Nächstes werde sie sich an die Nibelungen machen – der Verlag habe ihr geraten, die Sache mit Levin Schücking noch zurückzustellen.

Von Meersburg, das sie zum ersten Mal besuchte, war sie begeistert: „Wie ein Hadsch für die Muslime“, so schön habe sie sich die mittelalterliche Stadt nicht vorstellen können.

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