Eine Mauer ist weg - andere stehen noch

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 Die ehemalige Bundesministerin für Wirtschaft und Energie, Brigitte Zypries, sprach bei der Landkreisfeier am 3. Oktober im Gwa
Die ehemalige Bundesministerin für Wirtschaft und Energie, Brigitte Zypries, sprach bei der Landkreisfeier am 3. Oktober im Gwandhaus in Hagnau. (Foto: Siegfried Großkopf)
Sigfired Großkopf

„Wenn jeder Landkreis den 3. Oktober so begehen würde, wäre das ein Gewinn für die politische Kultur in Deutschland“, lobte die ehemalige Bundesministerin für Wirtschaft und Energie, Brigitte Zypries, bei der traditionellen Landkreisfeier zum Tag der Deutschen Einheit im Gwandhaus in Hagnau. Zum zehnten Mal hat Landrat Lothar Wölfle dorthin eingeladen. Er zeigte sich dankbar, dass nach dem Mauerfall „alles so lief wie es damals gelaufen ist“ und es Menschen gibt, die Haltung für den Rechtsstaat einnehmen. Als eine von ihnen stellte er Brigitte Zypries vor.

Zypries zeigte sich begeistert von der damaligen friedlichen Revolution und fragte sich damals als Verfassungsrechtlerin, „schaffen wir diese Herausforderung ?“ Der Beitritt nach Artikel 23 des Grundgesetzes, der die Würde des Menschen in den Mittelpunkt stellt, sei richtig gewesen, schilderte sie damalige alternative Überlegungen. Das Grundgesetz sei den Ostdeutschen nicht übergestülpt worden, sondern eine Erfolgsgeschichte geworden und heute in Wahrheit die Verfassung der Deutschen. Das bestätigten auch Umfragen unter der Bevölkerung.

Die Festrednerin, die den Bodenseekreis als ehemalige Koordinatorin der Bundesregierung für Luft- und Raumfahrt gut kennt, streifte den momentanen Zustand der Europäischen Union, in der Populisten und Rechte Zuspruch erfahren. Es gebe Unmut über die praktische Politik bis hin zur Parteienverachtung. Viele glaubten nicht daran, dass Parteien und Politiker die Herausforderungen der Zeit meistern könnten. Gleichwohl seien die Parteien unverzichtbar.

Die eine Mauer ist weg, aber weniger sichtbare sind entstanden, meinte Zypries, und zwar nicht die zwischen Ost und West, sondern die zwischen verschiedenen Lebenswelten: die im Netz, die zwischen Arm und Reich oder Stadt und Land. Zypries beklagt das fehlende gemeinsame Gefühl und den fehlenden Austausch zwischen den Menschen, die Mauern aus Entfremdung. Nicht alle, die sich aktuell von der Demokratie abwenden, seien gegen der Demokratie, aber sie fehlen ihr, sagte Zypries, die vor allem den beiden Volksparteien CDU und SPD empfiehlt, mit denen, die sich abgewandt haben, das Gespräch zu suchen.

Gemischt Führungsteams

Verständnis äußerte sie für die, die mit dem nicht einfachen Wechsel von der Plan- zur Marktwirtschaft Schwierigkeiten hatten. Viele seien von heute auf morgen arbeitslos geworden. Dabei werde die Rolle der Treuhand heute noch hinterfragt. Sie empfahl, auf die Menschen zuzugehen, die zwei Systeme in ihrer Kindheit erlebten. An den Spitzen von Politik und Wirtschaft sollte es gemischte Teams aus Ost und West geben. So gebe es bis heute in Deutschland keinen einzigen Universitäts-Direktor aus dem Osten. Ein solcher Diskurs müsse geführt und viele Menschen bei der Entscheidungsfindung mitgenommen werden. Brigitte Zypries lobte die vielen Ehrenamtlichen in Deutschland, die sich um mehr kümmern als nur um sich selbst und das Land zusammenhalten. Sie hofft, dass das bis zum nächsten 3. Oktober noch mehr sind als heute.

Erneut hat die Jugendkapelle des Musikvereins „Harmonie“ Lippertsreute unter der Leitung von Oliver Keller die Landkreisfeier brillant unterhalten. Der Beifall für die 40 Musikerinnen und Musiker mit einem Höchstalter von 23 Jahren wollte nicht enden, erst recht und nicht erst, als sie mit ihrem Medley die 80er- KULT(tour), arrangiert von Thiemo Kraas, fast von den Stühlen rissen.

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