Ein Klassiker wird modern aufgelegt

Lesedauer: 7 Min

Die „Judenbuche“ ist eines der bekanntesten Werke von Annette Droste-Hülshoff. Die Erzählung gehört zu den Klassikern der Deutschen Literaturgeschichte. Die Illustratorin Claudia Ahlering und der Autor Julian Voloj haben den Klassiker nun neu adaptiert: als Graphic Novel, einer Art Comic.

In zumeist mehreren Bildern pro Seite mit kurzen Texten in Sprechblasen erzählen Ahlering und Voloj die „Judenbuche“. Das eher kurze Werk von Annette Droste-Hülshoff, das in der Reclam-Ausgabe rund 50 Seiten hat, ist in der Version der Graphic Novel mit rund 115 Seiten ein wenig länger. Der Text von Voloj orientiert sich sprachlich an dem Original aus dem 19. Jahrhundert, einige Zitate sind ebenfalls enthalten. Die Illustrationen sind düster gehalten und spiegeln die bedrohliche Stimmung, die sich durch das ganze Werk zieht, wider.

Der studierte Literaturwissenschaftler Julian Voloj, der heute in New York lebt, ist in Münster in Westfalen aufgewachsen. Auch Annette Droste-Hülshoff verbrachte dort viele Jahre ihres Lebens. Dort steht auch die Burg Hülshoff, auf der die Dichterin geboren wurde. Diese Burg besuchte Voloj gemeinsam mit seiner Frau vor rund fünf Jahren. „Ich kaufte mir damals die „Judenbuche“ im Souvenirshop und las sie auf unserem Rückflug“, sagt er. Nach seiner ersten Graphic Novel, die auch gemeinsam mit Claudia Ahlering entstand, wollte er etwas machen, das ihn mit seiner Heimat verband. „Der Stoff schien mir ideal“, sagt er. Für Voloj stand gleich fest, dass er wieder mit Ahlering arbeiten möchte. Bei der Umsetzung sind die beiden vom Droste-Forum in Münster unterstützt worden.

Hülshoff nutzt den Mordfall Soistmann

Die Erzählung „Die Judenbuche“ von Annette Droste-Hülshoff ist im Jahr 1842 erstmalig gedruckt worden. Sie gehört zu den bekanntesten Werken der Autorin, die auch einige Jahre ihres Lebens auf der Meersburg verbracht hat. 1820 hatte die Autorin bereits erste Notizen für den Stoff angefertigt.

In ihrer Erzählung nutzt Droste-Hülshoff einen historischen Kriminalfall: den Mordfall Soistmann. Von dem erfuhr sie wohl durch Besuche ihrer Großeltern im ostwestfälischen Bökendorf bei Brakel. Der jüdische Händler Soistmann Berend aus Ovenhausen war 1783 gewaltsam getötet worden. Zuvor hatte es einen Prozess zwischen Berend und dem Bauernsohn Georg Winckelhan aus Bellersen gegeben. Winckelhan musste sich vor Gericht verantworten, da er ein Kleidungsstück nicht bezahlt haben soll. Der Richter entschied zugunsten Berend. Am Abend nach der Urteilsverkündung wurde Berend tot aufgefunden. Der Verdacht fiel auf Winckelhan, der aus dem Dorf flüchtete, um so der Verhaftung zu entgehen. Erst im Jahr 1806 kam er zurück in das Dorf. Im gleichen Jahr erhängte sich Winckelhan an einem Baum in seinem Heimatdorf.

Auch Voloj hat sich für die Graphic Novel mit dem historischen Kontext auseinandergesetzt. „Auf meiner Recherche stieß ich auf das Buch ,Mordssache Soistmann Berend’ von Horst-D. Kurs, der die historischen Hintergründe der Ereignisse, die die Novellen inspirierten, erforschte“, sagt Voloj. Daraufhin erkundete er die Originalschauplätze, was ihn davon überzeugt habe auch die Graphic Novell in diesem Milieu zu belassen. Denn zunächst überlegt er, die Themen des Buchs in einen anderen Kontext zu setzen. „Das Buch ist mit Sicherheit, vor allem durch Claudias wunderschöne Illustrationen, eine Hommage an die Region geworden“, sagt Voloj. Für Voloj werden in der „Judenbuch“ Themen angesprochen, die auch heute noch relevant sind. „Es geht dabei um Schuld und Sühne, aber auch darum, wie Vorurteile zu Gewalt führen können“, sagt er.

Die Judenbuche ist ein „Muss“

Dieser Meinung ist auch Julia Naeßl-Doms. „Es ist immer noch ein ganz modernes Buch“, sagt sie. Naeßl-Doms lebt in der Burg, in der die Autorin gearbeitet und gewohnt hat. Geschrieben hat Droste-Hülshoff die Erzählung allerdings nicht auf der Meersburg. Sie hat sich viel mit dem Werk von Droste-Hülshoff auseinandergesetzt.

Für die Burgherrin zählt die „Judenbuche“ zu den Werken der Autorin, die ein Muss sind. „Sie hat hauptsächlich Lyrik publiziert“, sagt sie. „Die Erzählung ist eine von wenigen Kurzgeschichten.“ Sie sei in jedem Fall lesenswert.

Naeßl-Doms gefällt vor allem die Vielschichtigkeit in der Geschichte: ein bisschen Kriminalgeschichte, ein Psychogramm und gleichzeitig auch eine Sozialstudie, die in der Novelle vereint werden. „Die Autorin zeigt in der Geschichte, wie wichtig es ist, dass man sich entwickelt, wenn man aus einem bestimmten Milieu kommt.“

Naeßl-Doms vermutet, dass Droste-Hülshoff diese Entwicklung auch mit ihrer eigenen verglichen hat. Zugleich Naeßl-Doms schätzt an der Erzählung, dass sie zum Nachdenken anregt. „Es bleiben viele Fragen offen, man ist dazu angehalten, darüber nachzudenken“, sagt sie. Auch das eigentlich offene Ende trage dazu bei.

Während der Lebzeiten der Autorin fand die „Judenbuche“, wie auch die anderen Werke, wenig Beachtung. Durch ihren adeligen Stand, der sich mit einer Karriere als Schriftstellerin nur schwer vereinbaren ließ, wurde Droste-Hülshoff erst nach ihrem Tod als Autorin bekannt.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen