Die Römer haben den Weinbau an den See gebracht

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Im Vineum Meersburg haben die Herausgeber Professor Thomas Knubben (links), Christine Krämer und Professor Andreas Schmauder den
Im Vineum Meersburg haben die Herausgeber Professor Thomas Knubben (links), Christine Krämer und Professor Andreas Schmauder den Band „Seewein – Weinkultur am Bodensee" vorgestellt. Mit ihnen freut sich Bürgermeister Martin Brütsch. (Foto: Helmut Voith)
Helmut Voith

Mit der Weinkultur am Bodensee beschäftigt sich das im Juni in Meersburg eröffnete Weinbaumuseum „Vineum Bodensee“. Unter der Federführung von Professor Thomas Knubben und Professor Andreas Schmauder ist jetzt unter dem Titel „Seewein“ ein vertiefendes Begleitbuch erschienen, die erste umfassende und länderübergreifende Kulturgeschichte des Weinbaus am Bodensee – von Wissenschaftlern gründlich recherchiert und so geschrieben, dass es auch Laien mit Vergnügen lesen können. Hier kann nur Weniges aus den Themen, die bis in die Gegenwart führen, herausgegriffen werden.

Was Kenner schon immer vermuteten, ist jetzt wissenschaftlich gesichert: Die Römer haben den Weinbau an den Bodensee gebracht, die nachrückenden Alemannen haben ihn weitergeführt, Klöster und Städte haben ihn später intensiviert. Allein Überlingen hat im Mittelalter auf 270 Hektar 2,6 Millionen Liter Wein jährlich erzeugt, heute sind es 25 Hektar. Dafür ist die Qualität stark angestiegen. War der Wein vom Bodensee in früheren Zeiten als sauer, ja gar als „Schlehentrunk“ verschrien, gilt er heute als etwas Besonderes.

Wein war gesünder als Wasser

Wein war lange ein weitverbreitetes Volksgetränk, gesünder als das oft mangelhafte Trinkwasser, er galt auch als Medizin. In vielen Quellen steht zu lesen, was einem Einzelnen an Wein pro Tag zustand: Eineinhalb Liter waren in Klöstern durchaus üblich. Was man nicht selbst verbrauchte, ließ sich gut verkaufen, so entstand eine Art Tauschhandel. Da am See so viele Reben angebaut wurden, fehlte das Holz für die Rebstöcke. Es wurde aus dem Bregenzerwald geliefert und dank Flüssen und See günstig transportiert. Sogar der Mist zum Düngen musste aus der Schweiz eingeführt werden, da in den Weinbaugebieten zu wenig Vieh gehalten wurde. Überhaupt war der See, der heute eher ein Verkehrshindernis ist, damals eine Drehscheibe des Verkehrs, mit weit weniger Gefahren als der Landweg. Nicht selten aber stritten die Weinhändler mit den Schiffsleuten, weil diese die zu befördernden Weinfässer nicht nur gern anzapften, sondern danach mit Bodenseewasser wieder auffüllten.

Bis Ende des 18. Jahrhunderts galt der Wein als Lebensmittel wie andernorts das Bier, dann wurde er, in Flaschen abgefüllt, zum Genussmittel, heute zum Lifestyle-Produkt. Jede zweite Flasche wird inzwischen exportiert.

Zum Seewein zählt man hier Wein aus Baden-Württemberg, Bayern, Vorarlberg, Liechtenstein, dem St. Galler Rheintal, dem Thurgau und dem Kanton Schaffhausen. Beschrieben werden die Rebsorten am See, die Züchtung des „Müller-Thurgau“. Interessant sind auch Kapitel über die Größe des Bodensees, die Veränderung des Klimas, die Bodenbeschaffenheit. Man erfährt von Trinkgewohnheiten, vom übermäßigen Genuss, aber auch von gepflegten Trinkstubengesellschaften wie beispielsweise der 500-jährigen „Gesellschaft der 101 Bürger“ in Meersburg. Die Weinliebhaber werden auch die 178 Adressen von Weingütern und Genossenschaften rund um den See interessieren.

Thomas Knubben, Christine Krämer, Andreas Schmauder (Hg.): Seewein. Weinkultur am Bodensee. Thorbecke Verlag 2016. 296 Seiten, zahlreiche Abb., 19.99 Euro. ISBN 978-3-7995-1153-7.

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