Übergroß ist nur der Kopf

Lesedauer: 6 Min
Das Modell der Hansjakob-Plastik aus der Werkstatt Peter Lenk. (Foto: Lenk)

Der Bildhauer Peter Lenk aus Bodman lässt sich von niemandem in seine Kunst reinreden. Auch nicht von denen, die dafür bezahlen. Das tut er auch diesmal nicht. Aber er holt sich mit einem Eins-zu-Eins-Modell von Heinrich Hansjakob zumindest ein Ja oder ein Nein der privaten Kundschaft ab. Die Auftraggeber sind Andrea und Heiner Renn vom Hagnauer Burgunderhof. Voraussichtlich am 1. Mai 2014 soll die Hansjakob-Plastik auf ihrem Hof mit einem großen Fest enthüllt werden. Von Renns kommt ein klares Ja zum Entwurf: „Ich bin so was von begeistert, auch vom Ausdruck der Gesichter her“, sagt Heiner Renn gestern auf Nachfrage der Schwäbischen Zeitung.

Wie berichtet, geht der Hagnauer davon aus, dass Pfarrer Heinrich Hansjakob sein Urgroßvater gewesen ist und während seiner Dienstjahre in Hagnau seine Urgroßmutter, die ledige Franziska Zimmermann, geschwängert hat. Sie sei daraufhin als „Hur im Dorf“ beschimpft worden, der eigene Bruder habe sich Zeit seines Lebens geweigert, mit ihr am selben Tisch zu essen.

Schwer zu fassen

Peter Lenk hat sich intensiv mit dem Leben Heinrich Hansjakobs auseinandergesetzt. Hat recherchiert, hat nachgefragt. Er sei auf einen sehr widersprüchlichen Menschen gestoßen, auf einen, „den ich eigentlich nicht fassen konnte“, sagt er. Einerseits sei Hansjakob ein glühender Antisemit gewesen, der bereits vor 1900 in Zusammenhang mit dem jüdischen Volk von „Ausrottung“ sprach. Dennoch habe er enge Freundschaften mit Juden gepflegt. Er war ein überzeugter Revoluzzer, was er mit dem Tragen des Hecker-Huts auch öffentlich demonstriert habe. „Und ist dennoch vielen der Obrigen hinten rein gekrochen“, so Lenk. Dass er katholischer Pfarrer war und dennoch nicht nach dem Zölibat gelebt hat, ist noch der kleinste Widerspruch. Von drei unehelichen Kindern Heinrich Hansjakobs gehen die Chronisten aus. Ob es mehr sind, kann angenommen, aber nicht mit Sicherheit nachgewiesen werden. Für Peter Lenk ist dennoch klar: „Ich spüre die Verwandtschaft zwischen Renn und Hansjakob.“ Große Ähnlichkeit sei da, im Gesicht, im Ausdruck, vor allem in der Wölbung des Stirnbereichs.

Als Heiner Renn sich vor zweieinhalb Jahren mit der Vermutung seiner Abstammung an die Öffentlichkeit gewandt hat, ist ihm nicht nur Sympathie entgegengebracht worden. Doch diese Reaktionen waren vergleichsweise harmlos. Richtig blank lagen die Nerven in Hagnau, als bekannt wurde, dass ausgerechnet Peter Lenk, das „enfant terrible“ der Kunstszene, der Bildhauer-Schelm vom Bodensee, eine Plastik des Pfarrers und Heimatdichters Heinrich Hansjakob gestalten wird. Auch Heiner Renn gibt zu: „Mir fiel ein Stein vom Herzen, als ich Lenks Entwurf gesehen habe.“ Nächtelang habe er darüber sinniert und gehofft, dass nichts Anstößiges in der Darstellung des Bildhauers zu sehen sein wird.

Auf keinen Fall habe er den Pfarrer und Heimatdichter als „Sex-Maniac oder Frauenvergewaltiger“ darstellen wollen, sagt Lenk. Überdimensional ist bei der Hansjakob-Darstellung nur dessen Kopf, entblößt lediglich der Oberkörper. Die Höhe der Plastik beträgt drei Meter, die Kopfbreite Hansjakobs misst einen Meter und ist damit doppelt so groß wie beispielsweise der Kopf der Konstanzer Imperia. Und rund sechsmal größer als ein menschlicher Schädel. Muss er in diesem Fall auch, schließlich trägt er eine schwere Last: ein Heiligenschein und drei Knirpse mit Hecker-Hut, die die unehelichen Kinder darstellen sollen. Das sind keine süßen, knuffigen Säuglinge: „Die haben alle etwas Diabolisches.“ Wie Peter Lenk recherchiert hat, habe sich Heinrich Hansjakob zeitweise wegen eines Nervenleidens behandeln lassen. „Nerventeufeleien“ plagten ihn, wie er gesagt haben soll. Die Mutter zweier seiner unehelichen Kinder habe ihm Geld abgepresst – für ihr Schweigen, für die Ausbildung ihrer Kinder. Für Lenk ist klar, dass diese Kinder, diese Last (der Schuld?), für das Leiden des Pfarrers verantwortlich waren. So schuf er sie als „Nerventeufel“.

Not der Winzer gelindert

„Humorvoll, logischerweise satirisch, aber ohne, dass man hingeht und ihn in den Dreck zieht“ – so beschreibt Heiner Renn das Werk des Bildhauers Peter Lenk. Er finanziert die Plastik aus eigener Tasche, aufgestellt wird sie auf privatem Gelände seines Burgunderhofs. Dennoch soll die Öffentlichkeit Gelegenheit bekommen, sie anzuschauen. Denn: „So war das damals einfach“, ist Heiner Renn überzeugt. Er wünscht sich, dass seine Geschichte in seinem Heimatdorf anerkannt wird. Heinrich Hansjakob wird noch heute im Winzerdorf verehrt. Mit der Gründung des Hagnauer Winzervereins hat er 1881 die erste Weingenossenschaft Badens gegründet und damit zweifellos die bittere Not vieler kleiner Winzer gemildert.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen