Stets für einen ausverkauften Kulturschuppen gut: Uli Boettcher begeistert diesmal mit seinem Programm „Ich bin viele“.
Stets für einen ausverkauften Kulturschuppen gut: Uli Boettcher begeistert diesmal mit seinem Programm „Ich bin viele“. (Foto: Karin Schütrumpf)
Karin Schütrumpf

Auf der Bühne stehen zwei Stühle. Dazwischen steht Uli Boettcher und präsentiert all die „Persönlichkeiten, die uns selbst bevölkern, ob wir es wollen oder nicht“. „Tante Ingeborg“ und der „Macho von Nebenan“ begeistern ebenso wie der „Handwerker mit zwei linken Händen“, die „innere Tussi“ und der „Sohn von Beruf.“ Die Zuschauer im ausverkauften Kulturschuppen sind begeistert von den rasanten Dialogen zwischen den einzelnen Facetten einer einzigen Persönlichkeit.

„Sogar mir selbst bin ich manchmal fremd“ behauptet Böoetcher und erzählt von seinen Erfahrungen als „Familienunterhaupt“ und seinen Erinnerungen an seine Schulzeit. Nur mit Hilfe einer Sonnenbrille und zwei geöffneten Hemdknöpfen holt er den windigen Finanzberater und Macho von nebenan auf die Bühne, der mit seinem „Testesteroni“ losbraust und auf Weiberheld macht.

Mit einer altmodischen Brille wird er Minuten später zu seiner 75-jährigen Tante Ingeborg, die nicht nur Tipps für ein erfülltes Sexleben gibt, sondern mal eben auch eine Niere vom Neffen leihen möchte. „Ich bin schon 75, und wenn ich sterbe, kriegst du sie ja wieder.“

Lässig auf einem Stuhl lümmelnd bedient sich Boettcher bei Shakespeare und schlüpft in die Rolle eines modernen Falstaff, spielt den Betrunken und Gourmet, der den Kater am Morgen mit San Daniele Schinken kuriert.

Boettcher witzelt über Zahnspangen, Alexa aus dem Lautsprecher, über künstliche Intelligenz und natürliche Blödheit. Mit Kapuzenpulli, Handy und „basecap“ sieht er die Welt mal mit den Augen eines Sohnes, der sich wehrt, erwachsen zu werden.

Viel Gelächter erntet er als „double lefthander“, der ein Regal in die Nische unter der Treppe einbauen soll, und dazu erst einmal einen Kasten Bier und seinen Schwager holt. Begeistert genießen die Zuschauer den Dialog der beiden Heimwerker, der in der Weisheit gipfelt: „Wenn du es ein bisschen genau haben willst, musst du es wenigstens ungefähr wissen.“

Boettcher erzählt die Schöpfungsgeschichte eines Regales so plastisch, als wirbele er tatsächlich nicht nur mit einem Zollstock, sondern mit dem ganzen Sortiment eines Baumarktes.

Bei einem Bühnenprofi wie Boettcher wird aus einem Versprecher souverän ein Gag gezaubert. Mit einer Zuschauerin, die eigentlich nicht mit ihm reden wollte, plaudert es locker von der Bühne runter. In den ersten Reihen sitzt der Zuschauer in Boettchers Programm gefährlich. „Haben Sie Kinder?“ will er von einer Frau wissen, die er, weil sie ihren Namen nicht nennen möchte, kurzerhand „Ilse“ tauft.

Stichworte vom Zuschauer

Die Stichworte zum Sketch über „die Reifenpanne“ holt sich Boettcher von einem Zuschauer in Reihe zwei – und schon rollt er lautmalerisch den zischenden Reifen mimend, mit seinem alten Wohnmobil über die Autobahn. Auf der bis auf die beiden Stühle leeren Bühne entsteht das Bild eines Reisenden, der weil es mit Werkzeug, Warndreieck, Warnweste und Wagenheber allerlei Probleme gibt, auf der Leitplanke hockt und auf den Pannendienst wartet.

Die Zuschauer lachen Tränen, wenn Uli Boettcher einen gar nicht vorhandenen hydraulischen Wagenheber hochpumpt und den Wagen dann leider nicht wieder herunterlassen kann. Sie verabschieden den Künstler zum Schluss mit donnerndem Applaus von der Bühne am Gleis 1.

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