Dieses heikle Nummernschild führt zu ständig zerstochenen Reifen

Anita Lechleitner (rechts) und ihr Mann Hartmut Stordel sind ratlos. Die Markierung auf dem Reifen zeigt die Stelle des letzten
Anita Lechleitner (rechts) und ihr Mann Hartmut Stordel sind ratlos. Die Markierung auf dem Reifen zeigt die Stelle des letzten Einstichs vom März. Sie wissen nicht, wieso es jemand auf ihr Fahrzeug abgesehen hat. (Foto: Mark Hildebrandt)

Immer wieder mal sind die Reifen aufgestochen gewesen. Und immer mit einem langen, dünnen Gegenstand. Anita Lechleitner und Hartmut Stordel sind ratlos: „Wir haben hin- und herüberlegt, aber wir kommen zu keinem Ergebnis.“ Die Eheleute wissen nicht, wer ihnen schaden wollen könnte. Feinde haben sie nicht, sagen sie. Mittlerweile denken beide, dass ihr Nummernschild ausschlaggebend gewesen sein könnte.

An dem Škoda Yeti war bis zum August letzten Jahres eins befestigt, auf dem „FN-AH 88“ stand. Auf die Frage, wie es zu dieser Kombination gekommen ist, sagt Hartmut Stordel: „Das sind einfach unsere Vornamen, Anita und Hartmut.“ So sei es zu dieser Kombination gekommen. „Und 88 ist einfach eine Feng-Shui-Glückszahl.“ In der Tat ist die 88 in Asien sehr weit verbreitet.

Problem: Die Zeichen nutzt auch die rechte Szene

Die beiden Ruheständler befürchten aber mittlerweile, dass da jemand einen falschen Eindruck von ihnen bekommen hat und sie deswegen unbegründet für Neonazis hält.

Die Buchstabenkombination kann nämlich auch mit dem Nationalsozialismus in Verbindung gebracht werden. „AH“ kann für einen Außenstehenden auch für „Adolf Hitler“ stehen. Die „88“ beschreibt in der Szene den achten Buchstaben im Alphabet, das „H“. In dem Sinne wird die 88 in der rechten Szene auch als Codierung für „Heil Hitler“ verwendet.

Eheleute: „Nicht rechts eingestellt“

Daran hätten sie im Leben nicht gedacht, als sie das Auto 2016 angemeldet hatten, sagen beide: „Wir sind vollkommen unpolitisch und schon gar nicht rechts eingestellt“, äußert Hartmut Stordel.

Anita Lechleitner fährt mit dem Hund zum Gassigehen zum Wald. Und Hartmut Stordel nutzt es, um zum Sport zu kommen. Auch zum Einkaufen bewegen die beiden den Škoda Yeti. Aber wo die Stiche passiert sein könnten? Beide zucken mit der Schulter. Nur dass es immer derselbe Gegenstand gewesen sein muss, wissen sie. Und dass es immer am Wochenende war. Die Anzeigen haben nichts gebracht.

Immer entwich die Luft langsam. Doch mehrmals mussten zwei oder vier Reifen ausgetauscht werden, halt immer die ganze Achse, wenn der Schaden nicht reparabel war. Womit der Täter zugange gewesen ist, können sie gar nicht sagen. Und auch nicht, wo. Denn die Reifendruckanzeige springt in so einem Fall ja erst verzögert an.

In der Tat sind bestimmte Buchstabenkombinationen bereits seit 1956 verboten, wie Robert Schwarz erläutert. Er ist Sprecher beim Landratsamt Bodenseekreis. „KZ, SA, SS, HJ und NS dürfen nicht vergeben werden und sind in den Kfz-Verfahren gesperrt“, äußert er. Das geschieht bei der Zulassungsbehörde bereits in der Software und kann auch nicht mutwillig vergeben werden.

Bestimmte Kombinationen teils erst seit 2020 gesperrt

Dass das Ehepaar Lechleitner und Stordel das Nummernschild überhaupt so bestellen konnte, liegt daran, dass es erst seit November 2020 eine Regelung für die Neuzuteilung von Kennzeichen gibt, die diese Kombinationen erfasst. Das baden-württembergische Verkehrsministerium sperrte damit alle möglichen Kombinationen von HH, AH, 18 und 88. Hinzu kommt noch die 1488, die auf ein rassistisches Glaubensbekenntnis verweist. Das alles war bis dahin erlaubt.

Bei neuen Zulassungen greift das sofort. Allerdings, so Robert Schwarz: „Für bereits zugeteilte Kennzeichen an zugelassenen Fahrzeugen gilt ein Bestandsschutz.“ Heißt: Wer das Kennzeichen bereits hat, kann es weiter nutzen. Laut Robert Schwarz gab es vor der Neuregelung 15 Kennzeichen mit den Ziffernkombinationen in Verbindung mit FN, TT und ÜB. Alle Halter seien angeschrieben worden.

Behördenbrief kommt zwei Tage nach Reifenstichen an

Das Schreiben hatte auch Anita Lechleitner erhalten, auf die der Skoda Yeti zugelassen ist. Es kam zwei Tage, nachdem die Reifen mal wieder aufgestochen waren. Das war Ende Juni 2021. Anita Lechleitner und ihr Mann hatten die Vermutung, dass sie jemand bei der Straßenverkehrsbehörde gemeldet hatte. Doch es war eine zeitliche Zufälligkeit. Laut Robert Schwarz gibt es keinen Zusammenhang. Alle Fahrzeughalter hätten identische Schreiben erhalten.

Anita Lechleitner hat ihr Fahrzeug dann umgemeldet. Laut Landratsamt haben das nicht alle Angeschriebenen getan. Hier sind der Behörde dann die Hände gebunden. Lechleitners allerdings mochten ihr Nummernschild nicht mehr behalten, als ihnen die Hintergründe bekannt wurden. Jetzt sind es ihre beiden Nachnamen, die die neue Buchstabenkombination ergeben.

Ehepaar fühlt sich machtlos und hofft auf Ende der Stiche

Die Stiche gingen allerdings auch nach dem Wechsel des Nummernschilds weiter. Zuletzt im März dieses Jahres. Zwischen den Ereignissen lagen auch vorher schon immer mehrere Wochen. Bei dem Ehepaar herrscht Ratlosigkeit: „Wir fühlen uns da einfach machtlos. Vor allem haben wir Sorge, dass doch mal was passieren kann.“ Sie hoffen einfach, dass die Reifenstecherei jetzt ein Ende hat.

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