Musik und Geschichten gegen das Vergessen

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Die Melodien sind so unterschiedlich und wechselvoll wie die Geschichte des jüdischen Volkes, die er erzählt. Dany Bober gastier
Die Melodien sind so unterschiedlich und wechselvoll wie die Geschichte des jüdischen Volkes, die er erzählt. Dany Bober gastiert und begeistert im Kulturschuppen. (Foto: Karin Schütrumpf)
Karin Schütrümpf

Melancholisch klingt der Psalm, den Dany Bober auf hebräisch im fast bis auf den letzten Platz gefüllten Kulturschuppen anstimmt. Dany Bober nimmt die Zuschauer mit auf eine spannende Zeitreise voller Überraschungen durch fast 3000 Jahre jüdische Geschichte.

Aber nicht alle Lieder sind melancholisch. Dany Bober singt auch Liebeslieder aus Spanien, fröhliche Tanzmusik und alte Volkslieder. Die Melodien sind so unterschiedlich und wechselvoll wie die Geschichte des jüdischen Volkes, die er erzählt. Er präsentiert nicht nur vertonte Psalmen und die Aufstiegsgesänge, wie sie zu Zeiten König Davis zu Prozessionen beim Aufstieg gesungen wurden. Rhythmisch und schwungvoll erklingen jiddische Volksweisen und plötzlich die Melodie eines bekannten Weihnachtsliedes „Tochter zion“ mit einem hebräischen Text. „Damals wurde alles ins Hebräische übersetzt, vom Psalm bis zum Hänschen klein“, erzählt Bober mit einem Schmunzeln.

Geboren ist er in Israel, weil seine Eltern vor und während des zweiten Weltkriegs nach Palästina emigrierten. Bober wuchs in Frankfurt auf, weil seine Eltern 1956 in die Heimat des Vaters zurückkehrten. Heute lebt Dany Bober in Wiesbaden.

Zu seiner Zeitreise begrüßt er die Zuschauer in Meckenbeuren mit einem „Schalomle“. In Liedern und Texten erzählt er aus den Zeiten König Davids „der als Sänger und Harfenspieler bekannt war“, von König Salomon, vom Tempelbau, von der Verschleppung der Juden nach Babylon und von der Schlacht bei Issos. Wie nebenbei erfährt der Zuhörer, das schon König Salomon seinen Staat mit Steuern und Frondiensten finanzierte, dass Jerusalem erst durch die dort untergebrachten Bundesladen zur Hauptstadt wurde und warum die Betenden heute ihren Kopf gegen die Klagemauer lehnen. Bober erklärt, dass Alexander der einzige Vorname ist, der in der Synagoge zur Lesung aufgerufen wird, weil dieser persische Herrscher, den Juden zugetan war. Nebenbei gibt es Beispiele für die unterschiedliche Auslegung der Thora, die – so Bober - ein liberaler Rhabi in einem Sprichwort zusammenfasste, dass auch heute noch gebräuchlich ist. (Was du nicht willst, das man dir tu, das füg´ auch keinem anderen zu.)

Für mehr Frieden

Dany Bober singt Liebeslieder aus Spanien, wo Juden, Mauren und Christen in der „goldenen Zeit“ friedlich und einander achtend zusammenlebten – bis zur Reconquista und den im Spätmittelalter beginnenden Kreuzzügen. Wenn sich die Religionen auch heute mehr auf ihre Gemeinsamkeiten als auf die Unterschiede besinnen würden, wäre es nach Ansicht Bobers friedlicher in der Welt.

Nach der Pause springt Bober mitten hinein in die Geschichte der Juden in Deutschland: „Die ersten Juden kamen mit den Römern an den Rhein.“ Ihre Sprache beeinflusste die Raubritter ebenso wie die Ausdrücke der Viehhändler. Bober: „Weil die Juden nicht in die Zünfte durften, blieb Ihnen nur der Viehhandel und der Geldhandel.“ Die Zuschauer erfahren wie Rotwelsch von Viehhändlern gesprochen wurde und sich so auch auf hebräische Wurzeln zurückführen ließe. Er erklärt, dass aus aramäisch und judäisch das judenteutsch und das jiddisch entstand.

Bober singt Lieder über das Leben der Juden im Mittelalter erzählt von der Geschichte der Rothschilds und Guggenheimers in Frankfurt und wie aus Moses ben Mendel, Moses Mendelsohn wurde, der Lessings Vorbild für „Nathan der Weise“ gewesen sein soll. Er singt das Lied von der „Freien Republik, das im Vormärz entstand. „Wussten Sie das Knast spachlich von Knesset kommt?“, fragt er

Geschichte zur Geschichte

Geschichte ist trocken und langweilig? Nicht bei Dany Bober, der immer eine Anekdote, ein Gedicht oder eine Geschichte zur Geschichte parat hat. Er zitiert zum Weihnachtsfest ein Gedicht von Erich Mühsam oder bringt die Zuschauer bei einem jiddischen Lied „La, la la“ ebenso zum Mitsingen wie beim Refrain von „Donna, Donna, donna“ dem Lied von Katsenelson, der in Ausschwitz starb und angesichts der Deportationen das Lied vom Kälbchen schrieb, das sich nicht wehrt, wenn es zur Schlachtbank geführt wird.

Die Angst der Menschen vor Verhaftung durch die Nazionalsozialisten verdeutlicht er anhand von Flüsterwitzen und durch die Geschichte von den zehn kleinen Meckerlein, die nach und nach verhaftet wurden, weil sie Kritik am dritten Reich übten. Die Redaktion, die das veröffentlichte, wurde komplett verhaftet, weiß Bober zu berichten.

Drei Stunden Zeitreise vergehen wie im Fluge und sie fordern zum Schluss begeistert eine Zugabe.

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