Markus Müller: „Dichte ohne Qualität ist menschenverachtend“

Lesedauer: 8 Min

Markus Müller steht als Präsident der Landesarchitektenkammer im November zur Wiederwahl.
Markus Müller steht als Präsident der Landesarchitektenkammer im November zur Wiederwahl. (Foto: Joachim E. Roettgers GRAFFITI)

Seit dreieinhalb Jahren steht Markus Müller als Präsident der Architektenkammer Baden-Württemberg und damit rund 25000 Standeskolleginnen und -kollegen vor. Im Gespräch mit SZ-Redakteur Roland Weiß zieht der 53-Jährige aus Meckenbeuren eine Bilanz - dies durchaus mit Blick darauf, dass er sich im November in Friedrichshafen erneut zur Wahl stellt.

Herr Müller, sind Sie als Präsident der Landesarchitektenkammer auf der Funktionärsebene angekommen?

Markus Müller (lacht): Nein, ich mache sehr reales Berufsleben. Beides, das Büro in Meckenbeuren wie die Tätigkeit in Stuttgart, befruchtet sich gegenseitig - sowohl inhaltlich als von den Menschen her, die ich kennen lerne.

Dabei denke ich nicht nur an Ernst Ulrich von Weizsäcker, der bei unserem großen Kongress Archikon im März in Stuttgart vor 1300 Zuhörern gesprochen hat. Das beziehe ich ebenso auf die Kollegen in der Kammer. Wir haben hier eine Truppe, die sehr gut zusammenarbeitet - keine Funktionäre, sondern leidenschaftliche Architekten und Stadtplaner.

Welches waren in Ihrer Amtszeit die beherrschenden Themen?

Ich nenne da zwei Haupthandlungsfelder, in denen wir als Architekten meinen, etwas beitragen zu können. Da ist zum einen der Wohnungsbau. Hier sind wir Mitinitiator der Wohnraum-Allianz und haben zusammen mit dem Städtetag bewirkt, dass die Prognosstudie vom Wirtschaftsministerium in Auftrag gegeben worden ist. Sie soll Antwort auf die Frage geben, wieviel Wohnraum wir in Baden-Württemberg brauchen.

Und wie sieht es dabei aus?

Wenn es, ohne gegenzusteuern, so weiter geht wie bisher, werden wir zum Ende der Legislaturperiode des Landtags im Jahr 2021 rund 200 000 Wohnungen zu wenig haben - das heißt, 400 000 Menschen stehen ohne Wohnraum da. Wenn Sie hinzurechnen, dass von den hohen Wohnraum-Preisen rund drei Millionen Menschen betroffen sind, dann ergibt sich eine Situation, die unsere Gesellschaft zu entsolidarisieren droht.

Das klingt nicht so, als seien in der jüngeren Vergangenheit Schritte auf dem richtigen Weg unternommen worden?

Ich denke dabei an den Tanker, den es umzusteuern gilt. Dabei ist es wichtig, in die Zeit ums Jahr 2012 zurückzublenden. Damals schien es, ausgehend von den Statistischen Landesämtern im Süden der Republik, als Fakt, dass Baden-Württembergs Bevölkerung schrumpft. Mit der Folge, dass keine weiteren Flächen ausgewiesen werden sollten und durften. Die Bürgermeister und Gemeinderäte vor Ort haben dies in ihrer Erfahrung immer anders gesehen.

Und dann kam 2013 heraus: Die Ämter haben sich verrechnet. Die Binnenwanderung in Deutschland und der EU sorgte dafür, dass wir wachsen. Diese Erkenntnis braucht einen Umsteuerungsprozess, mit Strategien aus der Landespolitik. Hier bringt sich die Architektenkammer ein.

Was kann angesichts solcher Komplexität eine einzelne Gemeinde machen?

Die Kommunen entdecken den Wert einer langfristigen kommunalen Planung und Grundstückspolitik wieder. Die Problematik Wohnbau lässt sich aber nicht ausschließlich einzelkommunal lösen. Vielmehr ergeben sich für mich daraus Argumente für einen interkommunalen Wohnungsbau. Ein gutes Beispiel aus der Region liefert die Stadt Markdorf, die zusammen mit den Gemeinden um sie herum eine gemeinsamen Flächenpolitik betreibt.

Es gibt aber auch die Sorge, dass sich die Schaffung von umfangreichem neuem Wohnraum stadtbildzerstörend auswirkt?

Die Dichte an Bebauung darf kein Selbstzweck sein und darf nicht in einem Identitätsverlust enden – Dichte ohne Qualität ist menschenverachtend. Von daher kann ich solche Befürchtungen nachvollziehen. „Wo fühlen Menschen sich wohl?“ – dieser Frage geht etwa eine Studie der ETH Zürich nach, die zu zwei spannenden Ergebnissen führt.

Zum einen fühlen sie sich dort am meisten wohl, wo ein starker landschaftlicher Bezug gegeben ist - etwa am Bodensee. Aber sie fühlen sich auch dort sehr wohl, wo die höchste Dichte herrscht – etwa in alten Innenstädten.

Was wir bauen, muss in einem langen zeitlichen Rahmen Bestand haben. Die Debatte darüber erfordert viel mehr Zeit, als wir es gewohnt sind zu investieren. Aber sie ist notwendig.

Konkret: Diese Bandbreite an Überlegungen führt beispielsweise dazu, dass an der Entwicklung des Quartiers Buch, an der unser Büro zusammen mit dem Büro Pesch mitwirkt, auch ein Soziologe beteiligt ist.

Sie hatten ein zweites Handlungsfeld erwähnt?

Damit meine ich den Klimaschutz, hier erarbeitet die Architektenkammer Baden-Württemberg die Positionierung für die Bundesarchitektenkammer. Wir haben alle erkannt: „Es geht so nicht weiter.“ Wenn alle Menschen den Ressourcenverbrauch hätten, den wir uns leisten, würden wir dafür dreimal einen Planeten Erde brauchen. Jetzt geht es beispielsweise um Wege, um einen klimaneutralen Gebäudebestand herzustellen.

Sie sind bei all dem mit Herzblut zugange - ein Zeichen, dass der Spagat gelingt zwischen Stuttgart und Meckenbeuren und Berlin und und und?

Die Tätigkeit als Kammerpräsident ist natürlich aufwendig und anstrengend, aber vor allem ist sie sensationell interessant. So war ich im Juni bei der Eröffnung der Architektur-Biennale in Venedig, dann in Berlin bei unserem Bundesvorstand und als Gast bei der CDU-Landesgruppe, dann in Brüssel und immer wieder in Stuttgart. Und bei all dem sind Herausforderungen für den Pragmatiker, der hier und jetzt Probleme zu lösen hat, ebenso enthalten wie für den Strategen, der zehn bis 15 Jahre vorausdenkt.

Eine enorme Vielfalt...

Ja, und das Tolle daran ist: Als Kammerpräsident bist du zu all den Themen gefragt und findest Gehör.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen