Landgang mit Brausepulver und Liedern voller Melancholie

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Mit der Kombination aus Seemannsliedern und Comedy unterhält „Nagelritz“ sein Publikum im Kulturschuppen am Gleis 1 bestens.
Mit der Kombination aus Seemannsliedern und Comedy unterhält „Nagelritz“ sein Publikum im Kulturschuppen am Gleis 1 bestens. (Foto: Cosima Kehle)
Schwäbische Zeitung
Cosima Kehle

Keine drei Takte hat es gedauert, bis Dirk Langer alias „Nagelritz“ am vergangenen Samstag sein Publikum hat vergessen lassen, dass es im Kulturbahnhof Mecken-beuren saß. In die „Hafenkneipe“ ging es mit dem gleichnamigen Ringelnatz-Gedicht, das er mit Klängen voller Seefahrersehnsucht vertont und am Akkordeon begleitet hat. Und schon waren alle mitten drin in der Welt der Seemannsbräute, Kneipen, Rotlichtviertel, Schiffe, Häfen, Fische, Flaggen und natürlich des Malteser.

„Nagelritz“ ist ein wahrer Leichtmatrose – drahtig, agil, liebenswert und überschäumend vor Seemannsgarn, Witzen, Rätseln. Wer eine Antwort kennt, bekommt zur Belohnung ein Tütchen „Ahoi-Brausepulver“. Seinem Publikum ist er sofort nah, er schäkert, er sinniert, er fragt, mal sitzend, mal stehend. Und er doziert: zum Beispiel darüber, dass Fußball aus der Seefahrt komme – man denke nur an den Mannschaftskapitän oder die Netze im Tor. Und der Prototyp des Balles stamme vom Kugelfisch, woher sonst. Wortspiele wie die „Einschisslöcher“ durch Möwenkot oder der „Beistellfisch“ aus der Klasse der Tischfische mag der singende Matrose ebenfalls. Am liebsten mag er aber Andrea aus dem Publikum, der er – wie allen seinen Bräuten – einen Ring schenken würde, wenn er nur dürfte.

Mal launig, mal melancholisch

In sein schillerndes Netz aus Kabarett und Comedy webt „Nagelritz“ immer wieder Seemannslieder. Gedichte von Joachim Ringelnatz hat er dafür vertont und arrangiert. Souverän wechselt er vom ersten Akkord an die Atmosphäre und das Publikum lauscht seinen wehmütigen Liedern. Das Ringelnatz-Gedicht „Du – Du bist mein zweites ich“ wird zum Bluesrock-Song mit Gitarrenbegleitung, das berührende Abschiedslied „An M.“ zum traurig-schönen Moment, „Vorbei ist die Zeit des Fastens“ zur Vorfreude der Matrosen auf einen Landgang und „Seepferdchen“ zum schmelzend schönen Liebeslied, um nur einige zu nennen.

Wie bei leichtem Seegang geht es zwischen den melancholischen Liedern und dem launigen Seemannsgarn hin und her, schaukelt das Programm zwischen erfrischendem Lachen und gebanntem Zuhören. Denn ein guter Musiker ist „Nagelritz“ obendrein – sei es als Komponist, als Sänger, als Gitarrist oder am Akkordeon.

Nicht umsonst ist er auch auf großen Bühnen zu Gast und mehrfach ausgezeichnet. In Meckenbeuren war der Saal zwar nicht ganz voll, das dürfte sich aber ändern, sollte „Nagelritz“ wieder einmal auf Landgang ans Gleis 1 kommen. Denn das Publikum hat ihn ins Herz geschlossen, beklatschte ihn stürmisch und ließ ihn nicht ohne Zugabe gen Norden ziehen.

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