Klappernde Gäste bauen in Kehlen ihr Nest

Lesedauer: 5 Min
Karin Schütrumpf

Vor einer Woche sind sie angereist, und diesmal sieht es so aus, als ob sie bleiben wollen. Keine fünfhundert Meter entfernt rauscht die Bahn vorbei. Direkt über der neuen Wohnung sind dröhnende Jets und Propellermaschinen im Landeanflug. Die zieht es zur Aero. Meister Adebar – wie der Storch in Sagen und Märchen heißt – hat mit seiner Gattin sein Ziel schon erreicht. Das Paar Weißstörche, das sich in Kehlen niedergelassen hat, beschäftigt sich fleißig mit dem Ausbau des Nests.

Er bringt Äste, und sie schleppt schnabelweise weiches Material in den Horst, der in Schussennähe auf dem Gartengrundstück der Familie Schmid steht. Simon Schmid beobachtet außerdem: „Die Störche sind auch schon eifrig bei der Familienplanung. Sie lassen sich dabei auch nicht stören, wenn ich mit den Kindern auf der Wiese Fußball spiele.“

Die Wohnung eines Weißstorchpaares, der Horst, hat nach Angaben des NABU einen Durchmesser von rund 130 Zentimetern. Seit Ende März sind hauptsächlich junge Störche, die erstmals aus dem Winterquartier zurückkommen, auf Wohnungssuche, informiert Ute Reinhard, die Weißstorchbeauftragte des Landes Baden-Württemberg. Sobald die Jungstörche in Kehlen brüten, also sicher über den Sommer bleiben, will Schmid die Storchenbeauftragte über den erfolgreich besiedelten Horst informieren, damit die Jungvögel beringt werden können.

Simon Schmid hat schon vor Jahren zwei Nistplätze für Störche vorbereitet. Eines krönt einen hohen von den Ästen befreiten Baumstamm, der in seinem Garten direkt an der Schussen steht. Das andere hat er auf den Kamin seines Hauses an der Hirschlatter Straße gebaut, denn die Heizung steht seit der Renovierung im Schuppen. „Jeder hat so seinen Vogel. Ich habe gleich ganz viele“, schmunzelt Schmid. Er züchtet Tauben und Gänse, hält Hühner und freut sich über die vielen Singvögel in seinem Garten. „Nistkästen habe ich von klein auf gebaut.“ Im Giebel des Hauses an der Hirschlatter Straße ist schon vor vier oder fünf Jahren ein Turmfalke eingezogen. Beim Nachbarn gegenüber hat Schmid eine Schleiereule angesiedelt. Ein Nistplatz für Störche ist eine größere Aktion: „Gut 150 Euro muss man für ein Nest schon investieren“, wissen Simon und Simone Schmid. „Das ist es uns aber wert“, sagt das Ehepaar. „Auch wenn wir oft ausgelacht oder auch schon beim Schornsteinfeger angezeigt wurden, freuen wir uns, wenn die Störche bleiben“, unterstreicht Ehefrau Simone Schmid. „Das ist für mich schöner als Weihnachten und Ostern zusammen“, freut sich ihr Mann Simon: „Man kann auch in einem ganz normalen Einfamilienhaus im Einklang mit der Natur leben.“

Über den Einzug der großen klappenden Vögel freut sich auch Familie Assfalg, die nebenan wohnt. Auch Thomas Assfalg weiß, dass die Störche gar nicht so scheu und ängstlich sind. „Ich habe schon welche vom Traktor aus beobachtet. Die waren keine neun Meter entfernt“, erzählt er und zeigt stolz ein Foto, das er mit dem Handy vom Storch gemacht hat.

Ob die Störche im nächsten Jahr wiederkommen, hängt vom Bruterfolg ab. „Für die Jungvögel kann ein kalter und nasser Sommer gefährlich werden“, weiß Simon Schmid. „Sobald die Jungvögel so groß sind, dass sie nicht mehr ganz unter das schützende Gefieder der Eltern passen, können sie leicht erfrieren.“ Nur wenn die Altstörche erfolgreich Junge großziehen konnten, kommen sie, so Storchenbeauftragte Reinhard, wieder an den gleichen Ort zurück. Simon und Simone Schmid hoffen auf einen schönen Sommer.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen