Kehlener Storchenkinder sind jetzt beringt

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Ute Reinhard ist Storchenbeauftragte des Landes Baden-Württemberg. Hier beringt sie die beiden Jungstörche.
Ute Reinhard ist Storchenbeauftragte des Landes Baden-Württemberg. Hier beringt sie die beiden Jungstörche. (Foto: Karin Schütrumpf)
Karin Schütrumpf

Kräftig brummt die grüne Maschine, die die Schwerlastbühne in den Baumwipfel drücken soll. Doch schon nach Sekunden bleibt der Kasten knirschend in den Zweigen auf halber Höhe hängen. Nochmal runter und zurück, signalisiert Simon Schmid. Die Arbeitsbühne wird jetzt in sicherer Distanz zum Nistplatz freischwebend in die Höhe gedrückt. Erst dann rollt die Maschine auf den Baum mit dem Storchennest zu.

Hautnah beim Beringen dabei

Wie zwei längliche Brote haben sich die Jungstörche im Horst zusammengekauert. Die langen Beine verschwinden unter dem Leib, Hals und Schnabel sind starr nach vorn gestreckt. „Sie stellen sich tot. Das ist richtig so. Deshalb beringen wir die Störche, bevor sie dieses Verhalten ablegen“, erklärt Ute Reinhard, die Storchenbeauftragte des Landes Baden-Württemberg. Sie hat die "Schwäbische Zeitung" und Simon Schmid, den Erbauer der Nisthilfe, zum Beringen mit ans Nest genommen, das haushoch auf einer abgesägten Tannenspitze sitzt.

Die ersten typischen Storchenfedern wachsen

Die Kehlener Storchenkinder sind jetzt sechs Wochen alt. Ute Reinhard deckt die beiden Nestlinge vorsichtig mit einem weißen Tuch zu, packt ihr Werkzeug aus und breitet eine bauchige, grüne Plastiktasche im Nest aus. Mit geübtem Griff zieht sie vorsichtig den größeren der beiden Nestlinge unter dem schützenden Tuch hervor und bettet ihn vorsichtig in die Tasche. Sanft entfaltet sie das Bein des Vogels und lässt den schwarzen Plastikring mit der Nummer A3N62 um sein Bein einschnappen. Er hat noch einen Rest Daunengefieder auf dem Rücken. An den Schwingen wachsen schon die typischen langen schwarzen und weißen Storchenfedern. „Er ist in der Entwicklung eher etwas zurück“, findet die Storchenexpertin: „Mal sehen, was er wiegt.“

Flugs werden die Henkel der Tasche an eine Federwaage gehängt. Zwei Kilo zeigt die Messlatte. „Mit sechs Wochen wären drei Kilo optimal“, erklärt Ute Reinhard und prüft den Schnabel des Jungvogels. „Nicht verklebt“, lobt sie, also bekommt er trotz der trockenen Witterung nicht nur Würmer zu fressen. Das gibt Pluspunkte für Papa und Mama Adebar.

Die beiden Störche, die Simon Schmid mit seiner Nisthilfe in Kehlen ansiedeln konnte, sind selbst noch jung, aber gute Elterntiere. Auch mit dem Trinkwasser für den Nachwuchs haben sie alles richtig gemacht. Geschickte Storcheneltern träufeln den Jungen Wasser direkt in den Schnabel. Das Futter wird dagegen auf den Boden des Nestes gewürgt und da vom Nachwuchs aufgepickt. „Wenn die Altvögel auch das Wasser einfach auswürgen, versick-ert die Flüssigkeit. Dann haben die Jungen keine Chance“, erklärt Reinhard. Obwohl der zweite Jungstorch tatsächlich erst anderthalb Kilo an die Hängewaage bringt, ist Reinhard auch mit dem Speisezettel von Familie Storch zufrieden. Wie das Gewölle der Vögel zeigt, gab es auch viele Käfer und Heuschrecken. „Das ist gutes, nährstoffreiches Futter“, weiß Reinhard. „Diese Störche sind eher schlanke Exemplare, aber sie haben deshalb noch keine schlechten Überlebenschancen“, beruhigt die Storchenbeauftragte.

Zum einen kann der Nachwuchs, bis es im Herbst Zeit für den langen Flug nach Spanien oder Afrika ist, noch einiges an Gewicht zulegen. Zum anderen haben es die „Schlanken“ beim Fliegen deutlich leichter als ihre pummeligeren Artgenossen. Erst spät brütende Storchenpaare, wie das in Kehlen, haben normalerweise etwas schlechtere Aufzuchtchancen. Aber in diesem Jahr hat Kälte Mitte Mai und Dauerregen gerade Frühbrütern geschadet, weil deren Junge schon nicht mehr unters schützende Gefieder der Eltern passten.

Wenn die Jungstörche „62“ und „63“ überleben, kommen die alten Störche ziemlich sicher wieder nach Kehlen, sonst sehen sie sich vielleicht schon im kommenden Jahr nach einer neuen Wohnung um.

Harte Revierkämpfe

Die ideale Storchenwohnung hat einen ungehinderten Ausblick, Wasser in Reichweite und liegt in nicht allzu stark bewirtschafteten Wiesen. „Ein zweites Nest wird erbittert bekämpft“, schildert Ute Reinhard. Damit die Kehlener Störche eine gute Chance haben, müssen noch die Elektromasten in der Nähe des Nes-tes mit Hauben versehen werden. Darum will sich Ute Reinhard jetzt als Erstes kümmern.

Simon Schmid und Alexander Aman, der mit seiner Hebebühne den Bau der Nisthilfe ermöglichte, hoffen sehr, dass die Störche sich auf Dauer hier niederlassen.

Die erfolgreiche Storchentaufe feierte Familie Schmid mit einem Grillfest. Dabei hatte die Storchenbeauftragte Reinhard viel zu erzählen. Über einen Storch, der tolle Nester baute und sie jedes Frühjahr wieder verlor, weil andere Störche die Wohnung schneller besetzt hatten. Oder über den Storch, der dem Bauern immer aufs Feld folgte, wenn der sein Mähwerk am Traktor hatte. Direkt hinter der arbeitenden Maschine war dann für den Vogel der Tisch reich gedeckt.

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