Initiative Maria 2.0: „Wir hören nicht auf“

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 Immer wieder regt sich der Protest Maria 2.0 des Katholischen Deutschen Frauenbunds, wie hier am Rand der Priesterweihe der Diö
Immer wieder regt sich der Protest Maria 2.0 des Katholischen Deutschen Frauenbunds, wie hier am Rand der Priesterweihe der Diözese Rottenburg-Stuttgart im Rottenburger Dom im Juli. (Foto: imago)

Mit der Initiative „Maria 2.0“, die im Bistum Münster begann und sich bald auf ganz Deutschland ausdehnte, haben Frauen in der Kirche für großes Aufsehen gesorgt. Bundesweit wurde gegen eine männerdominierte Kirche protestiert und der Zugang von Frauen zu Weiheämtern gefordert. Was ist geblieben und wie geht es weiter? Gabi Ilg, stellvertretende Diözesanvorsitzende des katholischen Deutschen Frauenbundes (KDFB) und geistliche Beirätin im Zweigverein Meckenbeuren hat mit Anja Reichert über Erfolge, Enttäuschungen und Hoffnungen gesprochen.

Sie engagieren sich in der Kirche, sind seit vielen Jahren Mitglied des KDFB und seit Juni 2018 auch stellvertretende Diözesanvorsitzende. Wenige Monate nach Ihrer Wahl ist 2019 mit der Initiative „Maria 2.0“ die Forderung nach einer Veränderung in der Kirche laut, publik und allgegenwärtig geworden. Wie haben Sie das erlebt und war dieser „Aufschrei“ absehbar?

Nein, absehbar war das nicht. Als Vorstandsmitglieder haben wir die Pressemitteilung relativ früh bekommen – noch bevor sie an die Zweigvereine gegangen ist. Ich habe die Info dann im Zweigverein in Meckenbeuren weitergegeben. Alle waren hellauf begeistert und sagten: „Endlich passiert mal etwas.“ Irgendwie brannte uns allen das Thema schon lange unter den Nägeln.

Warum ist nicht eher etwas passiert?

Ich glaube, man hat sich einfach nicht getraut. Auch in Meckenbeuren haben wir vor Jahren mal darüber gesprochen, dass wir mal streiken sollten. Aber bei dem Wunsch ist es geblieben. Nie ist eine Tat daraus geworden. Der Gedanke war in den Köpfen, brauchte aber diesen Anstoß. In Meckenbeuren waren wir uns dann auch sehr schnell einig, dass wir uns aktiv beteiligen wollen – und waren damit im Dekanat Friedrichshafen auch die einzigen.

 Gabi Ilg
Gabi Ilg (Foto: ilg)

Mitte Mai wurde dann auch die Kirche in Meckenbeuren bestreikt.

Genau. Der Diözesanvorstand hat die Sache begleitet, es gab keine Vorschläge von oben, was getan werden sollte. Heißt: Der Kreativität von uns Frauen waren keine Grenzen gesetzt. In Meckenbeuren haben wir eine Maiandacht, die eigentlich in der Kirche gewesen wäre, vor die Kirche verlegt und sie mit dem Thema „Maria 2.0“ unterfüttert. Das war unsere erste Aktion. Es war ein Sonntag im Mai. Es war kalt, wir alle hatten unsere Wintermäntel an und dennoch haben alle durchgehalten. Es war überwältigend.

Wie wurde es aufgenommen?

Es wurde sehr positiv aufgenommen. Ich war erstaunt, wie viele Frauen und auch Männer, die eher am Rand der Kirche stehen dazugekommen sind und sich positiv geäußert haben. Es freut mich, dass wir auf unsere Aktion hin, drei neue Frauen bei uns begrüßen konnten. Austritte gab es keine, aber natürlich gab es auch negative Stimmen.

Der KDFB hat nun vor Kurzem die Aktion „Maria, schweige nicht“ gestartet. Worum geht es?

Der Bundesverband hat diese Aktion ins Leben gerufen. Der Gedenktag von Maria Magdalena ist der 22. Juli. Sie ist die erste Apostellin und eine sehr bedeutende Frau. Mit ihr soll das Thema weitergeführt werden. Im Prinzip ist es ein Unterthema von „Maria 2.0“. Wichtig ist, dass „Maria 2.0“ weitergeht. Wir hören nicht auf. Im September rufen wir beispielsweise in Meckenbeuren dazu auf, mit weißer Kleidung, mit Schals, Hüten, Schmuck oder Accessoires in die Kirche zu kommen. Wir wollen zeigen, dass wir sichtbar bleiben wollen, dass wir alle getauft sind und Männer und Frauen gleichwertige Christen und Christinnen sind. In der Frauenkirche gibt es im Oktober dann einen Gottesdienst mit dem Thema „Das ist doch ungerecht!“ und im November werden wir in einem Gottesdienst auf Maria Magdalena eingehen.

Der Wunsch nach Reformen innerhalb der Kirche ist da und er ist laut. Nun ist die Kirche aber nicht dafür bekannt, dass sie Wünsche erhört und erfüllt. Woher nehmen Sie und Ihre Mitstreiterinnen die Hoffnung und die Kraft?

Wenn man als Gruppe dabei ist, gibt man sich gegenseitig Kraft, Halt und Motivation. Allein kann man es nicht machen. es geht nur gemeinsam. Es ist schön, wenn viele Frauen und Männer uns unterstützen und helfen – und, wenn man schon kleine Erfolge erzielen kann: Die ersten Aktionen waren nur Worte. jetzt kamen die Taten. Ich denke, dass diese Streikwoche schon einmal deutlich mehr war, als nur Forderungen zu stellen. Man braucht einen langen Atem und wir wissen auch, dass sich in den nächsten zwei Jahren nichts ändern wird.

Sind Sie manchmal auch enttäuscht?

Ja natürlich. Auch von unserem Bischof sind wir in dieser Sache enttäuscht. Wir haben mehr erwartet, aber er hat sich doch sehr zurückgehalten. Das Gute ist, wir haben Pfarrer und Bischöfe, die hinter uns stehen - aber natürlich sind es noch zu wenige.

Haben Sie jeweils den Glauben angezweifelt?

Nein. Es geht ja um die Strukturen, nicht um Glaubensinhalte. Das ist ein wichtiger Unterschied. Es geht nicht um theologische Aussagen, es geht um Machtstrukturen und diese Hierarchie die nicht aufgebrochen wird. Keine theologischen oder religiösen Gründe sprechen gegen die allgemeine Weihe. Es sind einfach nur Strukturen, die aus dieser patriarchalischen Kirchengeschichte gewachsen sind. natürlich lebte Jesus in einem Umfeld, in dem Frauen sehr im Hintergrund waren, in dem Männer bestimmt haben. Aber das hat er schon aufgebrochen, indem er Jüngerinnen in seinem Gefolge hatte. Aber die wurden immer verschwiegen. Und dieses Verschweigen wurde immer weitergeführt.

Wie sollte es sich weiterentwickeln?

Darüber haben wir auch im Diözesanvorstand gesprochen. Wir begehen seit über zwanzig Jahren am 29. April den Tag der Diakonin , den Festtag von katharina von Siena. Aber nach zwanzig Jahren sagt man: „Nein, das reicht nicht.“ Was haben wir, wenn Frauen Diakonninen werden? Eigentlich nichts. Die Strukturen bleiben erhalten. Es ändert sich nichts. Ich wünsche mir das volle Programm, dass Frauen den Zugang zu allen Weiheämtern bekommen und dass sich Machtstrukturen ändern.

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