Historiker holt China nach Meckenbeuren

Lesedauer: 5 Min
Ulrich Büttner spricht über das Reich der Mitte.
Ulrich Büttner spricht über das Reich der Mitte. (Foto: Schütrumpf)
Karin Schütrumpf

China ist ein Land, dass sich unseren westlichen Maßstäben entzieht“, findet Ullrich Büttner. Im Kulturschuppen am Gleis 1 erzählt er die wechselvolle Geschichte des „Reichs der Mitte“ und erklärt, warum sich China heute zur wirtschaftlichen Weltmacht entwickelt. „Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen und die Zukunft nicht gestalten“, sagt Büttner und beleuchtet das chinesische Kaiserreich ebenso wie die neuere Geschichte der Volksrepublik China.

Die Chinesen sind seiner Ansicht nach Händler, keine Eroberer – aber sie suchen sich genau heraus, was sie haben wollen. Schon ist Büttner mittendrin in der Zeit der Opiumkriege, die seiner Ansicht nach die Engländer angezettelt haben, die Seide und Tee gegen Opium tauschen wollten und Krieg führten, als China den Handel mit Opium verbot.

Er spricht vom 19. und 20. Jahrhundert als der „dunkelsten Zeit Chinas“, als im Zeitalter der Kolonisation China ein begehrtes Objekt für Großmächte war. Sogar eine deutsche Kolonialstadt gab es. In Tsiangtau wird bis heute Bier nach deutschem Reinheitsgebot gebraut. „Eines der beliebtesten Biere in China“, erzählt der Historiker, der selbst schon in China war, schmunzelnd.

Geschichte ist für Büttner Weltgeschichte. Millionen Chinesen sind im 19. Jahrhundert nach Nordamerika ausgewandert, viele haben beim Bau der Eisenbahnstrecken gearbeitet. Deshalb ist für Büttner auch die Erschließung des Wilden Westens ein Stück chinesische Geschichte. Für Büttner hängt alles zusammen. Er analysiert, warum etwas geschehen ist, fragt nach den Ursachen des Boxeraufstandes (1900) und erklärt den Begriff „ungleiche Verträge“ mit den Worten „unterschreib oder stirb“.

Chinas moderne Geschichte beginnt für ihn mit Sun Yat Sen, der die Republik gründete. „Seither stellen sich die Chinesen die Frage, wo sie hin wollen und versuchen, von den Besten zu lernen. Was er meint, erklärt Büttner am Beispiel ,chinesisches Essen’: „Da gibt es viele kleine Schälchen. Die Chinesen probieren gern viel aus, was ihnen gefällt, das nehmen sie.“

Büttner erzählt von Chiang Kai-shek und seinen Nationalchinesen und von den Rotchinesen, die von Mao Tse-tung geführt wurden – und vom blutigen Bürgerkrieg. Büttners Vortrag beschäftigt sich mit Mao, den er einen „Massenmörder und Modernisierer“ nennt. Er berichtet vom „großen Sprung nach vorn“, wo die Bauern die Ähren so dicht sähen mussten, dass diese am Halm verfaulten und von der daraus resultierenden Hungersnot, die Millionen tötete. Der Historiker berichtet von Verfolgungen während der Kulturrevolution und von der Herrschaft Deng Xiaupings, wo der Staat ein wenig Kritik erlaubte, aber wie 1989 auf dem Platz des himmlichen Friedens mit brutaler Gewalt einschritt, sobald er seine Macht bedroht sah.

Im heutigen China sieht Büttner eine klare Trennung zwischen wirtschaftlicher und politischer Macht. „Die Chinesen kommen nicht mit Waffen, sondern mit Geld nach Europa“, glaubt Büttner und erzählt vom Projekt „Neue Seidenstraße“.

Anderthalb Stunden Vortrag vergehen im Handumdrehen. „Können Sie junge Menschen heute noch für Geschichte begeistern“, wird Büttner von Zuschauern nach dem Vortrag gefragt. „Einige schon“, schmunzelt der Historiker, der auch an Konstanzer Gymnasien unterrichtet und Stadtführungen in Konstanz macht. Im Oktober kommt er wieder zu einem Vortrag über Russland in den Kulturschuppen.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen