„Gemüsesuppe zum Kaffee“: Geschichten, die das Leben schreibt

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„Seelenschnupfen“ ist der Titel dieses Bildes der Kreativkünstler Renate Hoffmann, Eva Tettey-Enyo, Günter Pruchner und Hilde Gl
„Seelenschnupfen“ ist der Titel dieses Bildes der Kreativkünstler Renate Hoffmann, Eva Tettey-Enyo, Günter Pruchner und Hilde Glatthar. (Foto: lix)

„Gemüsesuppe zum Kaffee. Geschichten aus Liebenau“. Patmos. ISBN 978-3-8436-1082-7, 15 Euro.

Prälat Michael H. F. Brock liest am Montag, 17. September, 18.30 Uhr, im Glashauscafé in Liebenau und am Samstag, 13. Oktober, 19 Uhr, in der evangelischen Kirche in Weissenau aus seinem neuen Buch. Der Eintritt zu beiden Lesungen ist frei.

„Gemüsesuppe zum Kaffee“, einen Titel, der zum Augenreiben und Nachgrübeln verleitet, trägt das neue Buch von Prälat Michael H. F. Brock. Der Untertitel „Geschichten aus Liebenau“ legt eine Kehrtwende nahe - weg von den vier seit 2014 erschienenen „Begegnungen mit Jesus“, die ihren Ausgang in der Bibel hatten. Und doch ist der Nazarener als spiritueller Hintergrund auf jenen 132 Seiten allgegenwärtig, die vom Alltag in Liebenau, vom Umgang miteinander und mit sich selbst erzählen.

Eine Besonderheit stellt das Motiv auf dem Cover dar: Brocks Reflexionen und Erzählungen werden durch farbenfrohe Bilder „untermalt“, die von Künstlern der Kreativwerkstatt Rosenharz stammen. Die Zusammenarbeit hatte das Vorstandsmitglied der Stiftung bewusst gesucht: „Die Künstler sollen spüren, dass ihre Arbeit wichtig ist.“ Eine Wertschätzung, die sich auch darin äußert, dass alle abgebildeten Werke der acht Kreativkünstler von der Vorstandschaft der Stiftung erworben wurden und nun in der ersten Etage des neuen Gebäudes hängen.

Was nicht die einzige Besonderheit ist: Verbunden sind die „Geschichten aus Liebenau“ nämlich mit „Grüßen aus Liebenau“, mit denen der Vorstand der Stiftung den mehr als 7000 Mitarbeitern das Büchlein als Geschenk zukommen lässt. Als Geschichten, „die beschreiben, wie wir christliches Handeln verstehen“, wird die „Gemüsesuppe“ kredenzt – an konkreten Beispielen aus dem Alltag der Menschen in der Stiftung festgemacht. Als „Anerkennung“ für die Mitarbeiter sei das ungewöhnliche Geschenk zu verstehen, so der Autor im Namen des Vorstandstrios – mit Gedanken, die ermuntern sollen, „so handeln zu dürfen, wie es im Buch beschrieben wird“.

Dabei kann es bei mancher Geschichte einen „Deja-vu“-Effekt geben – sind sie doch nicht eigens für das Buch verfasst worden, sondern waren als Beiträge im „Anstifter“ oder Jahresbericht der Stiftung zu lesen oder in Brocks Predigten zu hören. Was wohl auch die Nähe zu biblischen Texten erklärt. Teils wird direkt auf Bibelstellen Bezug genommen, und wo dies nicht der Fall ist, ist der Geist der Bibel respektive des Neuen Testaments fühlbar.

Michael H. F. Brock hat dafür eine offene, eine klar verständliche Sprache gewählt – fern der des Theologen. Zwei Klientel hat er im Auge - neben der öffentlichen Leserschaft eben auch die Mitarbeiter der Stiftung. 7000 an der Zahl, in mehr als 300 Einrichtungen und Diensten in 100 Kommunen: „Wie lässt sich hier ein gemeinsamer Geist erzeugen?“

Brock versucht es, indem er einen Nenner, einen Wertemaßstab, eine Mentalität bewusst machen will. Im besten aller Fälle sieht er sie als Haltung in Fleisch und Blut übergehen: „Ich möchte, dass wir als Stiftung Liebenau in der Nachfolge Jesu von Nazareth wahrgenommen werden“, sagt er. Den Mitarbeitern ruft er zu: „Das, was ihr macht, das hätte Jesus gefreut“ – jenen Gottessohn, der strikt am Heil(werden) des Menschen orientiert war. Denn: „Ich verstehe es als ein in Jesus göttlich verbürgtes Recht, dass ein Mensch in seiner Behinderung und Krankheit nicht alleingelassen wird“, so Brock.

Verkürzt: „In unserer Mitte der Mensch“ also? Durchaus, wobei auch in Brocks neuem Buch spürbar wird, dass er das Leitwort der Stiftung Liebenau verstärkt in den Fokus nehmen und mit weitergehenden Konnotationen versehen will.

Wie „Gemüsesuppe zum Kaffee“ denn auch kein reines „Wohlfühlbuch“ ist: „Da steckt schon auch Musik dahinter“, sagt der Verfasser mit Blick auf seine Kritik an „Mutter Kirche“, von der er Papst Franziskus explizit ausnimmt.

Beispiel: „Auf der Flucht“. Seine klare Position im Buch (“ich sage willkommen den Menschen, die auf der Flucht sind“) ergänzt Brock im SZ-Gespräch um Unverständnis, dass die Amtskirche sich nicht stärker dazu bekennt, Flüchtlinge aufzunehmen. Und um Worte, die an jene gerichtet sind, die in Chemnitz oder anderswo skandieren: „Dieses Land gehört uns.“

Denn: „Dieses Land gehört Gott.“

BLICK

„Gemüsesuppe zum Kaffee“ – was hinter dem Titel steckt, schildert Prälat Brock im Buch. Betreuerin L. und ihre Antwort auf die Frage, wie sie geistig behinderten Menschen Weihnachten erklärt, stehen dabei im Mittelpunkt. Grundlage ist eine Begebenheit, die sich so ereignet hat – und bei der es zum Kaffee Gemüsesuppe gibt (oder andersrum), mit Weihnachtssternen aus Sellerie.

Ein Ausschnitt daraus: „L. sucht das Besondere. Sie möchte einen ganz besonderen Heiligen Abend für ihre Leute. M. würde Krawatte tragen, das wusste sie. Und er würde sie falsch binden. Aber das war nicht wichtig. Wichtig war, dass er sie mit Stolz und Freude tragen würde.“

Stellvertretend steht die Passage für Brocks feine Beobachtungsgabe und unprätentiöse Wiedergabe. Dank dessen treten die kleinen Dinge ins Licht, die so wertvoll sind – in Liebenau wie an jedem Ort der Welt, der sie zur Geltung kommen lässt.

„Gemüsesuppe zum Kaffee. Geschichten aus Liebenau“. Patmos. ISBN 978-3-8436-1082-7, 15 Euro.

Prälat Michael H. F. Brock liest am Montag, 17. September, 18.30 Uhr, im Glashauscafé in Liebenau und am Samstag, 13. Oktober, 19 Uhr, in der evangelischen Kirche in Weissenau aus seinem neuen Buch. Der Eintritt zu beiden Lesungen ist frei.

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