Favela-Kinder vertrauen auf Meckenbeurer Hilfe

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Selina Erath

„Uns ist wichtig, dass die Kinder zur Schule gehen“, erklärt Anette Kramer. Sie ist Vorsitzende des Vereins Pro Aktion Zukunft aus Meckenbeuren, der durch verschiedene Aktionen, wie das jährliche Festa Brasileira, in erster Linie das Kinderhilfsprojekt „Lar de Mamãe Clory“ in Brasilien unterstützt und damit Kindern und Familien aus Favelas in São Paulo eine bessere Zukunft ermöglicht. Anette Kramer und Maria Vieira-Zdansevicius, die Zweite Vorsitzende, schildern im Gespräch mit der „Schwäbischen Zeitung“ voller Herzblut die jüngsten Entwicklungen.

Lar de Mamãe Clory, zu Deutsch „Heim von Mama Clory“, ist eine Organisation in São Paulo, die arme Kinder und Familien aus Favelas unterstützt. Clory Faguendes lebte mit ihrem Mann, einem Arzt, im Landesinneren, in Mato Grosso do Sul, bis ihr ein Findelkind vor die Tür gelegt wurde, das sie aufnahm. „Sie hat einfach niemanden zurückgewiesen“, sagt Anette Kramer. Als sie schließlich 75 Kinder bei sich hatte, machte sie sich mit drei Bussen auf den Weg nach São Paulo und bat den Bürgermeister um einen Platz für die Kinder. Schließlich wurde ihr ein stark bewachsenes Grundstück zugewiesen, auf dem sie 1967 ein Heim für Kinder errichtete – dies mit Hilfe von Spenden.

Mamãe Clory ist 2011 im Alter von 92 Jahren gestorben. Bis dahin sei sie jeden Tag in dem Haus gewesen und habe sich um die armen Kinder gekümmert. „Sie hatte eine unglaubliche Ausstrahlung und war einfach für alle da“, übermittelt Anette Kramer, die selbst vor Ort war. Mamãe Clory habe nie die Hoffnung aufgegeben und sei nicht aus der Ruhe zu bringen gewesen. Mit den Worten, „es wird Hilfe kommen, regt euch nicht auf, auch morgen ist ein neuer Tag“, habe sie die Leute um sich herum in schwierigen Situationen beruhigt. „In diesem Jahr wäre Clory Faguendes 100 Jahre geworden, und das möchten auch wir zum Anlass nehmen, um auf ihr Lebenswerk aufmerksam zu machen“, sagt die Vorsitzende von PAZ.

Heute ist Clorys Tochter Soely die Präsidentin des Hauses. Aktuell unterstützt die Organisation 150 Kinder bis zu ihrem 14. Lebensjahr. Sie bekommen Essen und werden in ihrer Freizeit betreut, damit sie nicht wieder auf die Straße gehen. Zudem gehen sie in zwei Etappen jeden Tag in die Schule. Das Haus will den Kindern Werte vermitteln und nahebringen, dass Bildung ihnen die Zukunft erleichtern kann.

Das war damals auch der Hauptgedanke von Clory Faguendes. „Schulausbildung ist die Zukunft eines eigenständigen Lebens“, sagt Kramer. Denn eine Ausbildung ist in Brasilien nicht selbstverständlich: „40 Prozent der Bewohner der Favelas können nicht ihren Namen schreiben“, sagt Maria Vieira. Zudem sei es normal, in den Armenvierteln nach der dritten Klasse die Schule abzubrechen.

Das Haus bietet auch Arbeitsplätze für die Eltern aus den Favelas an. Sie bekommen einen „geringen Lohn“, mit dem sie dann im Haus etwas einkaufen können. Dort gibt es eine Küche, einen eigenen Kleiderbasar und den Verkauf von restaurierten Sperrmöbeln. „Es geht uns um Würde“ und darum, dass sie lernen, durch regelmäßiges Arbeiten Geld zu bekommen, erzählt Anette Kramer. Abends gehen die Kinder und Familien wieder zurück in die Favelas. 2007 hat sogar der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler während seiner Brasilienreise das Haus besucht, um Mamãe Clory kennenzulernen.

Pro Aktion Zukunft ist seit 2011 ein eingetragener Verein. Bereits vor 22 Jahren hatten sich jedoch fünf Personen aus dem Bodenseekreis zusammengefunden, um soziale Projekte in Brasilien zu unterstützen, erzählt Maria Vieira-Zdansevicius. Sie ist selbst in Brasilien geboren. „Sie ist unsere Stimme für Brasilien“, sagt Kramer. Maria Vieira würde mindestens dreimal in der Woche für mehrere Stunden nach Brasilien telefonieren, denn der persönliche Kontakt dorthin sei sehr wichtig. „Wir machen kleine Projekte, um das Haus am Leben zu halten“, sagt Maria Vieira. Durch Spenden und Veranstaltungen, wie das jährliche „Festa Brasileira“ am TSV-Sportplatz, unterstützen sie das Heim. Kramer betont, dass sie das Haus nur projektbezogen unterstützen, um sicher zu gehen, dass auch „jeder Cent da ankommt, wo er hin soll“. So wurde beispielsweise die Renovierung des Speisesaals zu großen Teilen finanziert oder das „letzte Geld des Brasilien-Festes in eine Dunstabzugshaube“ investiert, schildert Anette Kramer.

Die unterstützten Familien aus den Favelas bekommen jeden Monat ein Paket mit Grundnahrungsmitteln im Wert von umgerechnet knapp 20 Euro, das PAZ unterstützt. Von diesem Paket mit Reis, Bohnen, Nudeln, Mehl, Öl, Kaffee und Zucker kann „eine Familie einen Monat lang leben, ohne betteln gehen zu müssen“, sagt Maria Vieira. Außerdem unterstützt PAZ die jährliche Weihnachtsaktion für die Familie, bei der im Weihnachtspaket der traditionelle Panettone nicht fehlen darf.

Um immer auf dem Laufenden zu sein, haben sie Anprechpartner vor Ort – ehrenamtliche Helfer im Heim, die PAZ aktuelle Bilder der Arbeiten senden und die Projekte vor Ort begleiten. Auch unterstützt der Verein durch seine Gelder sportliche Angebote, „damit sich die Kinder beim Capoeira auspowern können“ sowie kulturelle Ausflüge, wie beispielsweise in ein Museum oder in den Zoo, wo sie vorher noch nie waren. Dies könne einen wichtigen Effekt haben, denn so würden die Kinder die Welt um sich herum neu entdecken und zugleich Motivation bekommen, in die Schule zu gehen und aus den Favelas herauskommen zu wollen. Senhor Carlos, ein ehemaliger VW-Mitarbeiter,, besucht das Haus zweimal die Woche, um die Strukturen zu stärken. Er hat die Vision, bis 2023 den Speisesaal auszubauen, um dort einen öffentlichen Mittagstisch (gerade auch für Mitarbeiter aus den nahen Firmen) anzubieten, denn „die Küche ist sehr gut“. „Wenn er das schafft, kann das Haus auf eigenen Beinen stehen und wäre frei von Spendengeldern“, sagt die Vorsitzende hoffnungsvoll.

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