Es darf nie wieder so weit kommen

Lesedauer: 6 Min
 Abschluss des Euthanasie-Projekts des Bildungs- und Beratungszentrums (SBBZ) Don-Bosco-Schule in der Liebenauer Kirche: Die Sch
Abschluss des Euthanasie-Projekts des Bildungs- und Beratungszentrums (SBBZ) Don-Bosco-Schule in der Liebenauer Kirche: Die Schüler packen symbolisch Koffer für die letzte Reise der getöteten Menschen aus Liebenau und rufen ihre Namen in Erinnerung. (Foto: Stiftung Liebenau)
Schwäbische Zeitung

Die Schüler des Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrums (SBBZ) Don-Bosco-Schule der Stiftung Liebenau in Hegenberg haben sich intensiv mit dem Thema Euthanasie auseinandergesetzt. Am Buß- und Bettag präsentierten sie auf eindrückliche und berührende Weise die Ergebnisse der mehrwöchigen Projektarbeit.

„Habt ihr gute Nerven mitgebracht?“, fragte Wolfgang Ilg vom Pastoralen Dienst der Stiftung Liebenau die Schüler in der Aula. „Was wir heute besprechen, das geht uns an die Nieren.“ Gemeint ist der Tod von 501 Menschen, die im Zuge der „Aktion T4“ ab dem 1. Juli 1940 mit grauen Bussen aus Liebenau und Rosenharz weggebracht und in Grafeneck und Hadamar als lebensunwertes Leben ermordet worden sind. Ilg zeigte historische Fotos, zum Beispiel von jungen Menschen im Rollstuhl. „Eigentlich war das so wie heute. Es waren Menschen wie ihr und ich.“ Passend dazu sang Singer und Songwriter Peter Pux ganz leise zur Gitarre „Bitte vergiss mich nicht“.

Anhand einzelner Namen haben sich die Schüler ganz konkret mit den Menschen beschäftigt, indem sie ihnen für ihre letzte Reise einen symbolischen Koffer mit Bildern gepackt haben. Die Abtransportierten wussten ja nicht, dass es für sie keine Rückkehr gab. Helene Kofler gaben die Schüler etwa Geld, Brot und eine Kerze mit, außerdem Fotos von ihrer Familie. Für Mathilde Bürkle hatten sie einen Waschbeutel, eine Flasche Wasser und ein Kleid eingepackt. Andere bekamen einen Energieriegel, eine warme Decke und sogar ein lebendiges Kätzchen mit auf den Weg. Anders als vor fast 80 Jahren durfte natürlich auch das Handy im Gepäck nicht fehlen.

Berührendes Theaterstück

Ein Theaterstück nahm die jungen Zuschauer mit auf eine Zeitreise ins Jahr 1940. Ein Mädchen hängte Wäsche auf, ein Pärchen spazierte Hand in Hand über die Bühne, Jungs arbeiteten mit Schubkarre und Schaufel. „Der Bus kommt!“, wurde gerufen und alle versuchten zu fliehen: der körperlich behinderte und schwachsinnige Josef Leicht, die depressive Maria Maler und die debile Mathilde Fischer. Die SBBZ-Pädagogen Holger Niegel und Anna-Maria Elstermann waren in die Rolle der Helfershelfer geschlüpft und trieben die Kinder für den Transport in den Tod zusammen.

Anschließend gingen alle Schüler zu Fuß mit ihren symbolischen Koffern von Hegenberg nach Liebenau in die Kirche. Im Altarraum lag bereits ein Berg Schuhe, und auch den jungen Schauspielern wurden Schuhe und Jacken abgenommen. Dann ging es unter die Dusche, wo statt Wasser Giftgas aus den Duschköpfen kam. Nur zu hören waren ihre Schreie und Hilferufe. Barfuß und in grauen Kitteln kamen die Jugendlichen zurück in den Altarraum, wo sie in ein großes, weißes Leichentuch gehüllt wurden.

Am 4. Dezember 1940 hatten Josef Leichts Angehörige einen Brief bekommen, in dem stand, dass er an einer Blutvergiftung gestorben sei. „Bei seiner unheilbaren körperlichen und geistigen Behinderung ist sein Tod für ihn und für seine Umwelt eine Erlösung“, sagte eine Stimme. An schwarzen Kreuzen befestigten die Schüler die Fotos der Menschen, mit denen sie sich beschäftigt hatten. „Wir sind hier, damit es nie, nie wieder so weit kommt“, sagte Wolfgang Ilg.

Die Don-Bosco-Schule sehe sich in der Verantwortung, dieser 501 Menschen aus Liebenau und Rosenharz zu gedenken, sagte Schulleiter Manfred Kohler. „Ziel ist, aus der Geschichte zu lernen.“ Dabei werde deutlich, dass das Unterstützungssystem in unserer Gesellschaft keine absolute Selbstverständlichkeit sei. „Gerade in Anbetracht der aktuellen politischen Entwicklungen ist ein Projekt wie dieses von Bedeutung“, so Kohler. Organisiert wurde es von Schulsozialarbeiterin Conny Gerson, Lehrerin Renate Hermenau und Wolfgang Ilg.

„Wir verdeutlichten den Schülern, dass es vor 80 Jahren jemanden gab, der beschlossen hat, dass Kinder und Jugendliche wie sie keinen Spaß am Leben haben dürfen und nur Geld kosten“, erläuterte Conny Gerson „Natürlich haben wir Spaß am Leben“, sei die einhellige Antwort gewesen. Dies aufgreifend lautete der einheitliche Tenor, dass so etwas nie wieder passieren darf.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen