„Eine Welt ohne Atomwaffen ist nicht nur reine Utopie“

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Im August 1945 explodiert über Hiroshima Little Boy, die erste militärisch eingesetzte Atombombe in der Geschichte der Menschh
Im August 1945 explodiert über Hiroshima "Little Boy", die erste militärisch eingesetzte Atombombe in der Geschichte der Menschheit. Drei Tage später wird über Nagasaki eine zweite Bombe gezündet, eine 18 000 Meter hohe pilzförmige Rauchwolke steigt über der Stadt auf (Archivfoto). Die Detonationen und der anschließende Feuersturm töten mehr als 210000 Menschen. Zehntausende Überlebende erliegen später Strahlenschäden. (Foto: dpa - Bildfunk/ DANA dpa)

Seit 2017 findet der Begriff des „Atomwaffenverbotsvertrag der Vereinten Nationen“ in der öffentlichen Debatte breiten Anklang. Mehr als 80 Staaten haben den Verbotsvertrag unterzeichnet, mehr als 30 ratifiziert. Sobald 50 Staaten ihn ratifiziert haben, tritt er in Kraft.

Für die Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (ICAN), die sich für die Ächtung der Atomwaffen einsetzt, ist der Vertrag ein Instrument, „um Staaten wie Deutschland daran zu erinnern, dass Atomwaffen von der Menschheit weitgehend abgelehnt werden.“ Seit knapp einem Jahr engagiert sich auch der 23-Jährige Joschka Dreher als ICAN-Botschafter.

Redakteurin Anja Reichert hat mit dem gebürtigen Meckenbeurer über sein ehrenamtliches Engagement, sein Motiv und seine Ziele gesprochen.

Wie sind Sie auf die Kampagne aufmerksam geworden?

Friedenspolitisch bin ich schon längere Zeit interessiert. ICAN bietet regelmäßig offene Workshops an. Diese Workshops vermitteln immer unter einem Leitthema verschiedene Aspekte und Folgen von Atomwaffen. Das bot eine schöne Möglichkeit sich als junger Mensch in der doch teilweise demographisch gezeichneten Friedensbewegung zu engagieren. Wir haben der Friedensbewegung eine Menge zu verdanken. Aber als junger Mensch hat man einfach andere Sichtweisen auf manche Dinge.

Joschka Dreher.
Joschka Dreher. (Foto: privat)

Welche Gedanken gingen Ihnen bei dieser „ersten Begegnung“ mit ICAN durch den Kopf?

Ich beobachte schon länger die Teilnehmerzahlen an den Ostermärschen. Verglichen mit der Hochphase der Friedensbewegung in den 80er Jahren scheint das Thema insbesondere bei jungen Menschen an Bedeutung zu verlieren. Meine ersten Gedanken drehten sich also rund um das Thema „Wie kann man Friedensaktivismus für junge Menschen attraktiv gestalten?“

Nimmt man die „Fridays for Future“ als Beispiel, zeigt es doch, dass junge Menschen durchaus bereit sind, für ihre Themen auf die Straße zu gehen - und die Politik zeigt sich davon sichtlich beeindruckt. Nun muss ich mich also fragen, wie man diese beiden Themen, die ja beide den Fortbestand der Menschheit und des Planeten betreffen, in einer entsprechenden Form zusammenbringen kann.

Sie haben sich nicht nur die Frage gestellt, sondern sind aktiv geworden und seitdem als Botschafter unterwegs. Was ist Ihr Motiv?

Mein Beweggrund war mehr über Atomwaffen, deren Funktion und Verbreitung zu erfahren als ich aus geschichtlichen Dokumentationen wusste. Meine Meinung ist: Massenvernichtungswaffen – und normativ alle Kampfwaffen – darf es im 21. Jahrhundert nicht mehr geben.

Ist eine Welt ohne Atomwaffen nicht nur ein Traum?

Schauen wir uns den ABM-Vertrag von 1972 [Vertrag zwischen den USA und der Sowjetunion zur Begrenzung von Raketenabwehrsystemen; 2002 traten die USA vom Vertrag zurück], den INF-Vertrag von 1987 [Mittelstrecken-Nuklearstreitkräfte-Vertrag zwischen der Sowjetunion und den USA; 2019 außer Kraft getreten], den Atomwaffensperrvertrag von 2015, das Iran-Atomabkommen von 2015 oder den Atomwaffenverbotsvertrag von 2017 an; schauen wir auf die Arbeit der Internationalen Atomenergieorganisation.

Das zeigt: politische Lösungen, völkerrechtlich bindende Verträge und Kontrollmechanismen zur Abschaffung von Atomwaffen sind möglich. Also nein, eine Welt ohne Atomwaffen ist nicht nur reine Utopie, sondern eine realpolitische Möglichkeit. Aber klar ist auch, dass wir uns gerade in schwierigen Zeiten befinden und es umso mehr Bemühungen und Kraftanstrengungen bedarf, an bereits Erreichtem festzuhalten.

Wie reagieren Menschen auf das Thema? Ist es in den Köpfen der Menschen präsent? Oder ist es für viele nicht doch zu weit weg, zu abstrakt?

Atomwaffen haben die Welt in ein bipolares Gleichgewicht gebracht und zu relativem Frieden nach dem 2. Weltkrieg geführt. Es ist aber ein Trugschluss. Wir haben heute tödlichere Atomwaffen als je zuvor. Für meine Großeltern war eigentlich immer eines klar: ,Nie wieder!’ Bei diesem ,nie wieder’ sind sie sich aber nicht mehr so sicher wie noch vor wenigen Jahren.

Solange es diese Atomwaffen gibt, besteht auch keine Garantie, dass diese keine Verwendung finden. Kommt man also mit Menschen darüber ins Gespräch, dass die beiden über Hiroshima und Nagasaki abgeworfenen Atombomben 216000 Menschen - das ist vergleichbar mit Erfurt, Mainz oder Lübeck - direkt und innerhalb der folgenden Wochen töteten; dass die Folgewirkungen eines solchen Einsatzes verschiedene Krebsformen befördern; dass ein 80 Kilometer breiter Radius radioaktiven Niederschlags durch eine 100-Kilotonne-Bombe ausgeübt wird, dann wirkt es plötzlich nicht mehr abstrakt auf die Menschen.

Was für viele aber nicht präsent ist: In Büchel in Rheinland-Pfalz befinden sich US-amerikanische Atomwaffen, die im Ernstfall im Rahmen der Nuklearen Teilhabe durch die deutsche Bundeswehr benutzt werden dürfen. Im Ernstfall macht das Deutschland natürlich auch zum Ziel für einen atomaren Erstschlag. Für die Benutzung der Bomben plant aktuell auch die Luftwaffe ihre Tornado-Flugzeuge zu erneuern.

Was wäre Ihr Appell an die Politiker, an die Entscheidungsträger? Was müsste passieren, damit Atomwaffen abgeschafft würden?

In der UN müssen sich die Staaten, hier hat auch Deutschland mit seinem Sitz im Weltsicherheitsrat eine entscheidende Rolle, für internationale Verträge zur Abschaffung aller Atomwaffen einsetzen. Die konsequente Abkehr von der Atomenergie ermöglicht keine Schlupflöcher bei der Anreicherung von Uran 235 und Plutonium 239 zur Waffennutzung mehr. Aber es braucht auch strukturelle Veränderungen der Rüstungsindustrie.

Unternehmen, die an der Atomwaffenproduktion beteiligt sind, machen sich der tödlichen Mitverantwortung schuldig. Es sollte also international Konversionsbemühungen geben, um militärische in zivile Betriebe umzubauen, ohne die Arbeitsplätze der Menschen zu gefährden, denn dies wird oft als Argument vorgeschoben.

Welche Rolle hat in Ihren Augen Deutschland?

Deutschland muss international am Iran-Atomabkommen festhalten und vor allem in Europa für das Thema werben. Weil Deutschland Teil der Nuklearen Teilhabe ist, ist die Bundesrepublik auch keine Unterstützerin des Atomwaffenverbotsvertrags. Das muss sich ändern und Deutschland sich dem Abkommen anschließen sowie die US-Atomwaffen in Büchel des Landes verweisen.

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