Brochenzell beherbergt eine Besonderheit

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Ein Kleinod: der Barockaltar, der vor 200 Jahren aus dem Kloster Löwental in Brochenzells Pfarrkirche kam.
Ein Kleinod: der Barockaltar, der vor 200 Jahren aus dem Kloster Löwental in Brochenzells Pfarrkirche kam. (Foto: rwe)

Das Altarbild ist mit „1781 J. Faichtmair“ signiert. Die Jahreszahl gilt als zweifelhaft, „möglicherweise ist sie bei einer Restaurierung fehlerhaft erneuert worden“, schreibt Wieland. Als Künstler zieht er den Konstanzer Hofmaler Johann Michael Feuchtmayer (1666-1713) in Betracht.

Ein Kleinod ist in der Jakobuskirche in Brochenzell zu finden. Seit 200 Jahren beherbergt sie den Barockaltar, der aus dem aufgelösten Dominikanerinnenkloster Löwental in Friedrichshafen stammt. Ein Jubiläum, das am Freitag, 15., sowie am Samstag, 16. Juni, gefeiert wird.

Der Altar wurde 1683/84 von Hans Georg Winkel in Bregenz für das Dominikanerinnenkloster Löwental geschaffen. Die Säkularisation 1806 bringt die Zäsur – das Kloster geht an Württemberg über. Das Inventar landet zunächst in Scheunen und wird zwischen 1812 und 1826 verkauft, großteils auch versteigert. 1816, nach Ende des Krieges gegen Frankreich, werden auch die Gebäude einzeln verkauft oder abgerissen. Heute existieren nur noch die Klostermühle und ein Teil der Mauer.

Die Versteigerungen werden teils wiederholt, wenn den Kameralbeamten die Gebote nicht ausreichend erscheinen. Bei der zweiten Versteigerung des Kircheninventars im November 1817 erwirbt der damalige Ettenkircher Pfarrer Stephan Beckler für 183 Gulden den Rosenkranzaltar. Der 39-Jährige bringt ihn in der Brochenzeller Kirche unter, die damals zu Ettenkirch gehört, kann sich daran aber nicht mehr erfreuen – er wird am 23. Dezember zum Dekan von Ravensburg ernannt.

1818 wird der Altar in Brochenzell eingefügt – wozu er verkleinert werden muss. Was Georg Wieland zufolge so geschickt ausgeführt wird, dass es kaum einem Betrachter auffällt. Der Häfler Stadtarchivar Wieland hatte im Jahrbuch „Leben am See“ 2002 einen viel beachteten Beitrag über das „Kloster Löwental im Ausverkauf 1812 bis 1826“ geschrieben.

Durch Alarmanlage gesichert

Bis in die 1970er Jahre dient er in Brochenzell als Hochaltar. Durch den Bevölkerungszuwachs wird 1971/72 eine Erweiterung des Kirchbaus nötig, mit der Folge, dass der alte Chorraum der Kirche mit dem Rosenkranzaltar zur Taufkapelle wird. Der Altar erfährt über viele Jahre hinweg kaum Aufmerksamkeit. Selbst zu Gottesdienstzeiten ist er nicht frei zugänglich und durch eine Alarmanlage gesichert.

Ein Schattendasein, das dank der aufmerksamen Teresa Amann endet. 1991 hat sie als Laiendominikanerin das Versprechen abgelegt, nach den Regeln des Ordens zu leben. Seit 2004 wohnt sie mit ihrer Familie in Brochenzell – und entdeckt zu ihrer Überraschung und Freude in der Jakobuskirche den Seitenaltar mit bekanntem dominikanischen Motiv: der Übergabe des Rosenkranzes an Dominikus und Katharina von Siena durch Maria.

Der Impuls, den dominikanischen Altar stärker ins Gemeindeleben einzubinden, kommt im Gespräch zwischen Teresa Amann und Gemeindereferentin Martina Andric-Röhner auf. Sie beschließen und setzen um, einmal im Monat im Chorgestühl vor dem Seitenaltar eine Vesper mit dominikanischen Elementen anzubieten. Inhaltlich soll es jedes Mal um einen dominikanischen Heiligen gehen, zu dem ein Text vorgelesen wird. Die Vesper endet mit dem Salve Regina und dem „O Lumen“ nach dominikanischer Tradition – im alten Pfarrhaus schließen sich oft Imbiss und Austausch an.

Zum ersten Termin finden sich im März 2017 rund 40 Teilnehmer ein. Etabliert hat sich ein Kreis von zehn bis 15 Personen, die Gefallen an dem traditionellen Abendgebet haben, das sich an den Lehren des Heiligen Dominikus und den vielen anderen Heiligen des Ordens orientiert.

Erklärung für Totenmotive

Die Besonderheit des Altars stellen die 13 senkrecht stehenden Walzen oder Drehsäulen dar, die auf drei Ebenen um den Tabernakel gruppiert sind, der die Monstranz in sich birgt. Auf der unteren Ebene sind es sechs Walzen, darüber links und rechts eine neben dem Tabernakel sowie fünf Säulen auf einer dritten Ebene. Jede von ihnen verfügt über drei oder vier Schauseiten. Eine ist den Geheimnissen des Rosenkranzes gewidmet, dem die Dominikaner von je her große Bedeutung beimessen.

Die zweite Schauseite weist Motive mit Männern und Frauen des Dominikanerordens mit spezifischen Szenen der eucharistischen Verehrung auf. Die dritte enthält Teile des Löwentaler Reliquienschatzes (speziell Gemmen und Brokatborten).

„Die beiden langen Walzen enthalten als vierte Schauseite noch Totenmotive, offenbar bestimmt für Trauergottesdienste“, hat Wieland niedergeschrieben.

Zwei Tage Programm zum 200-Jährigen

Gar nicht so klein, aber fein ist das Programm, mit dem das 200-Jährige in Brochenzell gefeiert wird. Dazu gehört eine Fotoausstellung am Freitag, 15., sowie Samstag, 16. Juni, in der Kirche: Sie gründet auf rund 70 Fotos von Details des Altars – natürlich vor allem von den Drehsäulen, bei denen die kleineren je drei und die großen jeweils vier unterschiedliche Abbildungen zeigen.

Am Samstag gibt es um 14 und 16 Uhr Führungen und Erklärungen zum Altar mit Josef Friedel.

Wie man Gott genauso gut in der Küche oder Werkstatt finden kann wie auch in der Kirche und was das mit Spiritualität zu tun hat – darüber spricht der Provinzial der süddeutschen Provinz der Dominikaner, P. Thomas G. Brogl O.P., am Freitag ab 20 Uhr im Gemeindehaus. Er feiert am Samstag um 18 Uhr auch die Vesper mit, ehe um 18.30 Uhr ein Festgottesdienst unter Mitwirkung des Kirchenchors den Abschluss bildet.

Zu Brogl, der 2002 dem Orden beigetreten ist: Nach Übernahme der Pfarrei St. Martin in Freiburg war er zuletzt Ausbildungsleiter und Finanzverwalter in Wien. Sein Augenmerk gilt der Spiritualität in Wissenschaft und Praxis. Der 41-Jährige leitet die „Schola Cordis“, die Schule christlicher Spiritualität. Seit Mai 2018 ist er verantwortlich für die Citypastoral der Dominikaner an St. Martin.

Das Altarbild ist mit „1781 J. Faichtmair“ signiert. Die Jahreszahl gilt als zweifelhaft, „möglicherweise ist sie bei einer Restaurierung fehlerhaft erneuert worden“, schreibt Wieland. Als Künstler zieht er den Konstanzer Hofmaler Johann Michael Feuchtmayer (1666-1713) in Betracht.

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