Auf Herz und Nieren geprüft: Podiumsdiskussion zur Organspende

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Thomas Borne (links) moderiert die Diskussion, bei der die Transplantationsbeauftragte Maike Leube die Organspende befürwortet u
Thomas Borne (links) moderiert die Diskussion, bei der die Transplantationsbeauftragte Maike Leube die Organspende befürwortet und Klinikseelsorger Albert Rau (rechts) über die Nachteile sprach. (Foto: Karin Schütrumpf)
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Wann ist der Mensch tot und was passiert bei einer Organspende – darüber wurde bei der Podiumsdiskussion zum Thema Organspende im Gemeindehaus lebhaft debattiert. Rund 70 Bürger verfolgten, was die Transplantationsbeauftragte des Klinikums Friedrichshafen dafür und was ein Klinikseelsorger aus Ulm gegen die Organspende vorbrachten. Thomas Borne, ebenfalls Klinikseelsorger, moderierte die Veranstaltung, an der sich viele Zuhörer engagiert, teilweise emotional und oft kontrovers beteiligten. Die Podiumsdiskussion war die zweite Veranstaltung der Reihe „Wem gehört mein Herz“, zu der die katholischen und evangelischen Kirchengemeinden in Meckenbeuren eingeladen hatten.

„Meine Aufgabe ist es, die Intensivstation im Auge zu behalten“, berichtete Dr. Maike Leube. Sie ist Transplantationsbeauftragte im Klinikum Friedrichshafen. Im Fokus der speziell geschulten Ärztin: Patienten mit schweren Hirnschädigungen, die auf einen Hirntod zusteuern. Der Hirntod, die irreversibel erloschene Gesamtfunktion des Gehirns, müsse unabhängig von zwei Ärzten in einem genau festgelegten Verfahren festgestellt werden, beschrieb die Transplantationsbeauftragte. Dann gäbe es zwei Möglichkeiten: Die Maschinen abstellen oder den Körper bis zur Organspende am Leben erhalten.

Der Hirntod sei für Laien nicht erkennbar und werde von Angehörigen oft nur schwer akzeptiert. „Die Menschen glauben nicht, dass der Kranke tot ist, denn das Herz schlägt weiter – dank Beatmung. Die Haut fühlt sich weiter warm an“, beschrieb der katholische Klinikseelsorger Albert Rau. Er schilderte den Zuhörern einige Fälle, die er im Klinikum Ulm erlebt hat. „Wann tritt der Tod ein?“, hakte Moderator Borne bei den Referenten nach. Für die Medizinerin ist die Antwort klar: „Wenn der Hirntod eintritt, ist der Mensch rechtlich gestorben.“ Für viele Angehörige aber sei ein Mensch am Leben, solange das Herz schlägt, hielt Rau angesichts seiner Erfahrungen entgegen. „Und in diesem Moment werden die Angehörigen dann gefragt, ob sie meinen, dass der Verstorbene einer Organspende zugestimmt hätte.“ Das sei maximaler Stress, so Rau und ergänzte: „Die Organentnahme ist eine Unterbrechung des Sterbevorganges.“

„Wenn es keinen Organspenderausweis gibt, werden die Angehörigen nach dem mutmaßlichen Willen des Verstorbenen gefragt“, beschrieb Maike Leube die Vorgehensweise. In Deutschland gilt seit 2012: Eine Organentnahme ist nur zulässig, wenn der Spender sich zu Lebzeiten aktiv für eine Organspende entschieden hat. Das geht durch einen Organspenderausweis oder durch Absprache mit den Angehörigen.

In den meisten europäischen Ländern gilt dagegen die sogenannte Widerspruchslösung. Wer zu Lebzeiten nicht ausdrücklich wiederspricht, wird automatisch potenzieller Organspender. „Wir brauchen dringend Organspenden, weil Tausende darauf warten, um weiterleben zu können“, berichtete Leube, die als Transplantationsbeauftragte eng mit der Deutschen Gesellschaft für Organspende und Eurotransplant zusammenarbeitet. „Manchen Menschen hilft es auch, wenn der verstorbene Angehörige Organe spendet“, gab sie zu bedenken.

Debatte entzündet sich an Widerspruchslösung

„Ich finde die Widerspruchslösung gut, dann müssen sich alle Menschen über das Thema Organspende Gedanken machen“, meinte eine Zuhörerin. „Wir leben in einem freiheitlichen Staat. Ich möchte nicht dazu gezwungen werden, mich damit zu beschäftigen“, konterte eine andere Frau. Die Widerspruchslösung polarisierte und entzündete die Diskussion im Saal des evangelischen Gemeindehauses.

Auch Albert Rau ist gegen eine Widerspruchslösung: „Ein bewusstes Geschenk ist o.k., aber eine erzwungene Spende ist keine Gabe, keine Spende mehr“, findet er. Maike Leube steht der Widerspruchslösung dagegen positiv gegenüber.

Moderator Thomas Borne wollte von Pfarrer Steinle wissen: Wie stehen die Kirchen zur Organspende: Theologisch würde die Organspende nicht abgelehnt, erläuterte Peter Steinle. Einerseits sei die Spende eine Tat der Nächstenliebe. Andererseits dürfe man auch die Gefühle der Angehörigen nicht verletzen. „Zwang von außen kann nicht sein“, findet Steinle.

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