„Als würde man seine Leibspeise verdrücken“

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Philipp Kleinfelder mag historische Rollen und steht gerne vor der Kamera.
Philipp Kleinfelder mag historische Rollen und steht gerne vor der Kamera. (Foto: Josefine Hüttig)
Schwäbische Zeitung

Philipp Kleinfelder ist in Meckenbeuren aufgewachsen. Heute lebt und arbeitet er als Schauspieler in Berlin. Karin Schütrumpf von der „Schwäbischen Zeitung“ sprach mit ihm über seinen Alltag und seine Pläne für die Zukunft.

Das erste Mal haben Sie in Meckenbeuren im Alter von sechs Jahren mit der Geißbockfamilie eine Rolle vor Publikum gespielt. Haben Sie dabei Ihre Liebe zur Schauspielerei entdeckt?

Auf jeden Fall habe ich mich gerne verkleidet. Aber mit der Geißbockfamilie war es damals eher ein Mitlaufen. Meine Eltern waren als Gründungsmitglieder sehr engagiert. Dass ich gerne schauspielere, entdeckte ich sehr viel später, da hatte ich schon ein geisteswissenschaftliches Studium in München abgeschlossen und war nach Berlin gezogen.

Wann waren Sie sich sicher, dass Sie Schauspieler werden wollten und wie haben Sie dieses Ziel erreicht?

So Ende zwanzig war ich mit urplötzlich ganz sicher: Ich will auf die Bühne. Ich habe dann zahlreiche Workshops über die Figur des Clowns gemacht – in der Clownsschule Hannover und beim international renommierten Schauspiellehrer Philippe Gaulier. Dann habe ich die Arbeit vor der Kamera kennen gelernt und am „Europäischen Theaterinstitut“ Berlin ein Jahr lang Improvisation und szenisches Spiel vor der Kamera gelernt. Im Anschluss folgte ein Jahr am „Actors Space Berlin“, wo ich die Meisner Technik gelernt habe.

Beim Bahnhofsfest sind Sie in ein historisches Kostüm geschlüpft. Welche Rollen sind Ihnen heute am liebsten?

Ich mag historische Rollen. Da habe ich bis jetzt viel zu wenige gespielt. Gerade arbeite ich an einem Foto-shooting, das mich in historischen Kostümen der Jahrhundertwende, der 30er-Jahre und auch in der speziellen Mode der 80er-Jahre zeigt. Ich spiele gerne Rollen, bei denen biografisch und emotional etwas bricht oder gebrochen ist.

Ab wann kann man als Schauspieler von seinem Beruf leben?

Das sagt einem der Kontostand. Aber im Ernst, nur vom Filmschauspiel zu leben, das ist nicht einfach. Im Schauspielberuf gibt es viele Multijobber: Selbst unterrichten, Führungskräfte trainieren, Gastspiele am Theater, Drehbücher schreiben, Kellnern und vieles mehr. Ich kann mich ganz gut mit Rollen in Werbeprojekten querfinanzieren. Aber es ist ein stetiges Auf und Ab. Allgemein gilt: Man muss irgendwie bekannt werden, dann freut sich auch der Kontostand.

Was reizt Sie als Schauspieler am meisten: Fernsehen, Kinofilme oder die Bühne?

Für das Kino wird sehr genau gearbeitet und meist sehr viel abverlangt. Das ist sehr anspruchsvoll. Beim Fernsehen wird oft schneller produziert. Da kommt ein flüssiger Arbeitsrhythmus zustande. Die Bühne funktioniert ganz anders. Mich reizt die Arbeit vor der Kamera mehr: Das Spiel immer wieder zu wiederholen und es bis ins Detail hinein verbessern. Immer genau zu wissen, wann ich zum Beispiel das Glas genommen habe, um zu trinken. Das finde ich total spannend.

Welche Rolle hat Ihnen bisher am meisten Spaß gemacht?

Ich hatte eine tragende Nebenrolle für einen Abschlussfilm der Filmakademie Ludwigsburg („Sophie macht Theater“). Wir haben viel improvisiert, ich konnte viel einbringen, das war toll.

Was ist Ihr Traum – in welche Rolle würden Sie gern einmal schlüpfen?

Historische Figuren zu spielen ist eine riesige Herausforderung. Jemanden zu verkörpern, der tatsächlich gelebt hat, davor habe ich größten Respekt. Aber wen genau, da schwebt mir gerade nichts vor.

Sie wohnen in der Großstadt Berlin. Wie oft sind Sie in Meckenbeu-ren und was ist das dann für ein Gefühl?

Es ist ein besonderes Gefühl. Einzigartig! Meckenbeuren ist meine Heimat, ich habe 20 Jahre im gleichen Haus, in der gleichen Straße gelebt. Und es waren die ersten 20 Jahre meines Lebens. Daher ist mir alles sehr vertraut – zum Beispiel der Weg vom Elternhaus zum Bahnhof. Ich mag dieses Gefühl. Ich hole es mir ungefähr einmal im Jahr ab – als würde man seine Leibspeise verdrücken.

Sind Sie wieder einmal beim Bahnhofsfest gewesen?

Ja. Das liegt einige Jahre zurück. Ich bin mit der Geißbockfamilie sogar wieder mitgelaufen, als Conducteur. Meine Frau war auch dabei. Mit meinem Vater habe ich den ganzen Tag sehr laut gesungen. Ich freue mich, dass das Bahnhofsfest weiterhin so viele Menschen anzieht. Ein wirklich sehr lebendiges Fest.

Könnten Sie sich vorstellen, wieder  in Meckenbeuren  zu leben?

Das kann ich mir durchaus vorstellen. Ich mag die Ruhe. Die Gebäude sind niedrig, der Horizont ist gut zu sehen. Meine Tage in der Großstadt sind tatsächlich gezählt. Die vierstöckigen Häuserblocks machen es recht eng und im Winter dunkel. In meiner Gegend leben 14 000 Menschen pro Quadratkilometer und ich habe den Eindruck, es werden immer mehr.

Also vielleicht wieder Meckenbeu-ren oder auch der Berliner Stadtrand?

Ich weiß es nicht. Im Leben passieren manchmal verrückte Dinge.

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