Störungen sorgen für lebhaften Vernissageabend

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"Störungen", die Spaß machen: Die Künstlerin Maximiliane Creutzfeldt aus Überlingen (rechts) zeigt ihrer Kollegin Susanne Färber
"Störungen", die Spaß machen: Die Künstlerin Maximiliane Creutzfeldt aus Überlingen (rechts) zeigt ihrer Kollegin Susanne Färber
Schwäbische Zeitung

Selten hat eine Vernissage so treffend und lebhaft das widergespiegelt, was der Ausstellungstitel vorgegeben hatte. Mit „Störungen“ ist die jurierte Ausstellung des Kunstvereins in der Stadtgalerie überschrieben; voller lebendiger und teilweise auch aneckender Störungen – geplanter und ungeplanter Natur - ist die Ausstellungseröffnung am Donnerstag gewesen.

Von unserer Redakteurin  Stefanie Lorenz

„Das läuft heute anders als gewohnt“, hatte Bürgermeister Bernd Gerber in fast prophetischer Voraussicht in seiner Eröffnungsansprache verkündet, in der es viel Lob für den Kunstverein und seine engagierte Arbeit gab. Zu diesem Zeitpunkt ließ der erste wahrhaftige Paukenschlag nicht mehr lange auf sich warten: Der Markdorfer Künstler Stephen Kass, dessen Werke in der Ausstellung zu sehen sind, „störte“ mit seiner sehr lebendigen Beethoven-Performance die Rede des Kunstvereins-Vorsitzenden Bernhard Osswald. „Die Kunst kann man leicht stören und zerstören. Manchmal ist sie sowieso ziemlich nutzlos“, rief er provokant am Ende seines kurzen Auftritts in die Menge der applaudiernden Künstler und Gäste. Sehr passend führte Bernhard Osswald dazu weiter aus, dass „Störungen“ durchaus auch Positives bezeichnen, wie etwa dann, wenn vom Menschen als „Sand im Getriebe der Welt“ die Rede sei.

Drei Juroren haben über die rund 400 Kunstwerke der 142 Künstler entschieden, die sich für die jurierte Ausstellung beworben hatten. 33 Künstler wurden ausgewählt. Einer der Juroren, Jupp Eisele, sorgte mit einer von Kulturpessimismus geprägten Rede für ziemlichen Aufruhr im Publikum. Schon der Titel seiner Ausführungen „Was ist Kunst?“ sorgte für Stirnrunzeln bei einigen Zuhörern angesichts dieses schwierigen Sujets, das für eine kurze Vernissagerede ziemlich weit gegriffen zu sein schien. Eisele skizzierte in düsteren Farben den Niedergang des Kunstbetriebs, unterstellte einen „Konsumrausch“ und mahnte eine Rückkehr zu einer wahrhaftigen Kunst an. „Kunst braucht die Offenheit, aber auch die Stille“, kritisierte er laute Performances.

Nach einem Exkurs über die Nazi- und DDR-Zeit kam Eisele ziemlich unvermittelt auf den Bildhauer Peter Lenk zu sprechen. Eisele zeigte sich entsetzt über das Werk „Global Players“, bei dem eine nackte Angela Merkel dargestellt wird. Er werde niemals nach Ludwigshafen fahren, um sich „so etwas“ anzuschauen, führte Eisele unter dem Protest zahlreicher anwesender Künstler aus. „Aufhören“ rief ein junger Mann aus dem Publikum, als sich der Redner auch noch über die Darstellung des Unionsfraktionsvorsitzenden Volker Kauder im Bananenröckchen mockierte – ein Werk, das Peter Lenk zugunsten der Aktion „Wir helfen Afrika“ geschaffen hatte. Auch das Einlenken, dass Lenk eigentlich ja ein „sehr begabter Mann“ sei, konnte die Wut einiger Zuhörer nicht zügeln.

Weitaus charmanter hatte sich Jurorin Dr. Carolin Krumm zuvor präsentiert. „Qualität ist in handwerklicher und technischer Dimension messbar, aber wichtiger waren für uns Authentiziät und Wahrhaftigkeit“, erläuterte sie die Juryarbeit. Und setzte Stephen Kass entgegen: „Die Kunst lässt sich nicht stören, aber sie kann stören, weil sie sich nicht auf die Schemata der Gefälligkeit reduzieren lässt.“

Der Rundgang durch die Ausstellung begeistert vor allem durch Vielfalt der Exponate in Material und Form. Grandiose Skultpuren, wie die „Denkmalstudien für Udo M.“ des Kressbronners Hubert Kaltenmark, die Leinen-Expoxidharz-Kunst von Johanna Knöpfle und die „mixed media“-Frau in Fesseln von Elisabeth Hölz verstören und faszinieren zugleich. Uli Blomeier-Zilich zeigt in ihrem Schaffen Grenzen als Störung auf und Martin Tag lässt bei seinen Figuren die Grenzen scheinbar verschwinden. Herrlich humorvoll ist das Bild eines Stöhrs, bei dem einfach noch die Silbe „ung“ angehängt wurde. So lässt sich das Thema wunderbar ironisch brechen.

I: Die Ausstellung in der Markdorfer Stadtgalerie ist Dienstag und Mittwoch 15-17 Uhr, Donnerstag 10-13 Uhr, Freitag 17 bis 20 Uhr, Samstag 10-13 Uhr und Sonntag 11- 17 Uhr geöffnet.

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