Sportart Segelfliegen: „Alle Probleme bleiben am Boden“

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„Das Wichtigste am ganzen Flieger“, sagt Rudolf Schmillen über den Wollfaden, der außen an die Scheibe geklebt ist. Sein Ausschl
„Das Wichtigste am ganzen Flieger“, sagt Rudolf Schmillen über den Wollfaden, der außen an die Scheibe geklebt ist. Sein Ausschlag zeigt den Piloten, ob sie optimal in der Luftströmung liegen. (Foto: Daniel Bernhardt)
Vivien Götz

Daniel Bernhardt von der Segelfliegergruppe Markdorf hat sich für die Deutsche Segelflugmeisterschaft der Junioren qualifiziert. Der 20-Jährige begann erst 2017 mit dem Fliegen auf Wettbewerben und belegte Anfang August bei einem Qualifikationsturnier in Hirzenhain bei Frankfurt trotzdem den zweiten Platz. Dass Segelfliegen mehr sein kann, als ein gemütliches Hobby und als herausfordernder Wettbewerbssport betrieben wird, wissen aber die Wenigsten. Obwohl rund ein Drittel aller weltweit registrierten Piloten in Deutschland fliegen, fristet die Sportart hierzulande ein Nischendasein.

Es gibt zwar Bundesligen und deutsche Meisterschaften – die werden vom Publikum aber kaum verfolgt. „Die Zuschauer sehen halt einfach nichts“, beschreibt Daniel Bernhardts Vereinskollege Rudolf Schmillen das Kernproblem. „Bei einem Wettbewerb schaut man die ersten zehn Minuten in den Himmel und danach sind die Flieger einfach weg“, ergänzt Daniel Bernhardt. Der Sport sei so wenig präsent, weil das Geschehen am Himmel den Zuschauern auf dem Boden kaum sinnvoll zu vermitteln sei, sind sich die beiden Piloten einig. Sowohl in der Bundesliga, als auch bei den Deutschen Meisterschaften geht es im Segelflug um die Durchschnittsgeschwindigkeit auf Strecken von mehreren hundert Kilometern – ein Konzept, bei dem die Zuschauer im wahrsten Sinne des Wortes auf der Strecke bleiben. Was der Sportart an äußerer Strahlkraft fehlt, machen die Piloten allerdings mit Engagement und Begeisterung wieder wett.

Am Sonntagmorgen herrscht reger Betrieb am Fluggelände der Markdorfer. Obwohl sich die Sonne um kurz vor 9 Uhr noch hinter dichtem Hochnebel versteckt, werden die ersten Flieger schon aus dem Hangar geschoben. „Für die kleinen Platzrunden der Schüler reicht das Wetter eigentlich immer. Wenn der Gehrenberg frei ist, können wir auch starten“, erklärt Rudolf Schmillen. Erfahrenere Piloten, die lange Strecken fliegen wollen, müssen dagegen manchmal viel Geduld beweisen und darauf warten, dass sich die Thermik entwickelt, ohne die sich ihre unmotorisierten Flieger gar nicht so lange in der Luft halten könnten.

Zeitintensives Hobby

Segelfliegen ist ein sehr zeitintensives Hobby: Nicht nur das Warten auf passende Startbedingungen, sondern auch die Arbeit im Verein kostet Zeit. Wettbewerbe dauern meistens mehrere Tage, die Deutschen Meisterschaften sogar zwei Wochen. Rudolf Schmillen ist das inzwischen zu viel: „Ich war jetzt dreimal dabei, das reicht dann auch. Zwei Wochen Segelfliegen am Stück ist schon hart“, sagt der 57-Jährige.

Daniel Bernhardt kann zwar verstehen, dass nicht jeder seine ganze Freizeit auf dem Flugplatz verbringen möchte, ihn scheint der Zeitaufwand allerdings nicht zu stören. Wenn er von seinem Hobby erzählt, gerät er ins Schwärmen: „Man vergisst einfach alles um sich herum, man muss sich voll aufs Fliegen konzentrieren und alle Probleme bleiben am Boden“, sagt der 20-Jährige, der bei Airbus Luft- und Raumfahrttechnik studiert.

Bernhardt hat erst 2017 mit dem Fliegen auf Wettbewerben begonnen und sich im August für die deutschen U25-Meisterschaften im kommenden Jahr qualifiziert. Weil die Wettbewerbe so zeitintensiv sind, können die Qualifikationen und die eigentliche Meisterschaft nicht im gleichen Jahr ausgetragen werden.

Komplexe Sportart

Ein guter Pilot müsse Zeit, Begeisterung für den Sport und natürlich auch ein gewisses Talent mitbringen, sagt Rudolf Schmillen, der mit 17 Jahren zum ersten Mal im Segelflieger saß. Selbstbeherrschung und mentale Stärke seien ebenfalls extrem wichtig, meint Daniel Bernhardt: „Es ist klar, dass man in der Luft versucht, die anderen abzuhängen, trotzdem muss man vorsichtig sein und sollte keine übermäßigen Risiken eingehen. Manche fliegen da wirklich mit dem Messer zwischen den Zähnen“, sagt er.

Die geringe Ausstrahlungskraft des Segelfliegens hängt vermutlich nicht nur mit der Zuschauerunfreundlichkeit der Wettbewerbe zusammen, sondern auch mit der Komplexität der Sportart an sich. Die Piloten müssen sich mit Aerodynamik, dem Wetter und ihren Navigationsgeräten auskennen. Die taktischen Aspekte des Wettbewerbsfliegens, wie etwa die Entscheidung, früher oder später zu starten, erschließen sich ohne dieses Hintergrundwissen einfach nicht. Für Daniel Bernhardt und Rudolf Schmillen ist das Segelfliegen aber trotz allem die große Leidenschaft. Schmillen macht es auch 30 Jahre nach seinem ersten Flug immer noch „tierisch Spaß“ und Daniel Bernhardt kommt schon wieder ins Schwärmen: „Es ist einfach faszinierend. Und wenn man in den französischen Alpen mit Steinadlern fliegt und am Horizont schon das Mittelmeer sehen kann, das ist unvergleichlich“, sagt er.

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