Nur das Schlachten kostet am Anfang Überwindung

Lesedauer: 8 Min

Gabriel Beck (fünfter von links) verbringt ein freiwilliges soziales Jahr in einem Internat in Bolivien. Dieses Foto entstand,
Gabriel Beck (fünfter von links) verbringt ein freiwilliges soziales Jahr in einem Internat in Bolivien. Dieses Foto entstand, als sein Freund Lars Lämmlein (zweiter von links) aus Deutschland zu Besuch war. (Foto: Privat)
Gabriel Beck

Der Markdorfer Gabriel Beck verbringt ein Freiwilliges Soziales Jahr in Bolivien. In dieser Zeit arbeitet in einem Internat, in dem Kinder armer Familien leben. Für die Schwäbische Zeitung berichtet er von seinen Erfahrungen.

Mein Name ist Gabriel Beck, ich komme aus Markdorf und bin 21 Jahre alt. Seit etwa neun Monaten bin ich in Bolivien und absolviere hier in einem Internat ein Freiwilliges Soziales Jahr. Nach meiner Ausbildung zum Landschaftsgärtner wollte ich etwas Anderes und Neues machen. Eher kurzfristig habe ich mich im Frühjahr vergangenen Jahres auf die Suche nach Freiwilligenstellen im In- und Ausland gemacht. Dabei bin ich auf die Erzdiözese München und Freising gestoßen, die Freiwillige nach Ecuador, Argentinien und Bolivien entsendet. Weil kurzfristig eine Stelle frei wurde, konnte ich in einem Internat in den Yungas, dem Zwischenland von Hochland und Regenwald in Bolivien, anfangen.

Das Internat „La Salle“ liegt etwa drei Autostunden vom Regierungshauptsitz La Paz entfernt, in der Nähe von Coroico, einer belebten Kleinstadt. Durch das Internat haben Kinder und Jugendliche der Landbevölkerung die Möglichkeit, ohne langen Schulweg eine Schule besuchen zu können. Die Schule befindet sich zehn Minuten zu Fuß vom Internat entfernt. Im Internat sind um die 100 Mädchen und Jungen im Alter zwischen neun und 18 Jahren untergebracht, die alle aus finanziell schwächeren Familien stammen. Die Schüler verbringen die Woche gemeinsam im Internat, während sie an den Wochenenden zu ihren Familien fahren.

Der Alltag im Internat läuft sehr geregelt und gleichmäßig ab. Den Schülern wird eine gute Mischung aus Lernen, Mithilfe im Haushalt und Freizeit geboten. Jede Klassenstufe muss an einen Nachmittag der Woche einen Arbeitseinsatz leisten. Dann können sie unterschiedlichste Arbeiten übernehmen, wie zum Beispiel Brot backen, Rasen mähen oder Gemüse schneiden. Ansonsten gibt es festgeschriebene Zeiten, in denen die Schüler, auf drei Lernräume aufgeteilt, ihre Hausaufgaben erledigen. Für die Freizeit steht ihnen ein Fußballplatz und ein großes Gelände zur Verfügung.

Schüler helfen auf Bauernhof mit

Meine Aufgaben im Internat gestalten sich sehr abwechslungsreich und vielseitig, da ich in allen Bereichen mithelfen kann. Als eine Art Hausmeister bin ich für jegliche Arbeiten und kleinere Reparaturen im und um das Internat zuständig. Bei diesen Aufgaben war ich schon oft froh, auf meine Erfahrungen als Landschaftsgärtner zurückgreifen zu können. Neben diesen Arbeiten wird an den Vormittagen meine Hilfe immer in der Küche gebraucht. An den Abenden unterstütze ich die Schüler bei ihren Hausaufgaben in Englisch und Mathe.

Mit dem neuen Schuljahr, das Anfang Februar begonnen hat, habe ich angefangen, einen kleinen Kiosk im Internat zu führen, den schon die vorherigen Freiwilligen betrieben haben. Die Schüler können nachmittags ein paar Süßigkeiten und Schreibwaren kaufen. Der Gewinn kommt dem Internat zugute.

Zum Internat gehört unter anderem ein Bauernhof mit Kühen, Schafen und Hühnern sowie eine Schweinezucht. Außerdem werden auf dem Gelände Gemüse, Kaffee, Bananen, Mandarinen und Orangen angebaut. Das Fleisch der Tiere und die anderen Produkte dienen vorwiegend der Versorgung des Internats, außerdem werden sie auf den umliegenden Märkten zum Verkauf angeboten.

Am Anfang meines Freiwilligendienstes hat es mich etwas Überwindung gekostet, beim Schlachten der Tiere zu helfen, Mittlerweile ist es für mich mehrmals wöchentlich ganz normal. Auf den Verkauf von Hühnern, Schweinen und Gemüse ist das Internat angewiesen, um die finanzielle Versorgung, die die Schüler nicht sichern können, zu tragen. Hauptsächlich finanziert sich das Internat jedoch über Spenden, die die Direktorin, Hermana Helena, also Schwester Helena von ihrer Familie und Freunden aus Irland bekommt.

Ordensschwester leitet Internat

Hermana Helena ist eine Ordensschwester der Franziskaner und ist seit über 20 Jahren für das Internat zuständig. Um die Betreuung der Kinder kümmert sich ein Ehepaar und neben weiteren Angestellten in der Küche und auf dem Bauernhof bin ich nicht der einzige Freiwillige im Internat. Eine weitere Freiwillige aus den USA, die bereits ihr Lehramtsstudium abgeschlossen hat, unterrichtet an der Schule Englisch und hilft im Internat unterstützend in der Küche und bei der Hausaufgabenbetreuung mit.

Die Wochenenden verbringe ich in der Pfarrgemeinde von Coroico, mit den vier dort lebenden Priestern (auf Spanisch „Padres“) und meinem Mitfreiwilligen Joseph, der auch von der Erzdiözese München und Freising ausgesandt wurde. Bei seinen Aufgaben in der Pfarrgemeinde und den Arbeiten in der Kathedrale von Coroico helfe ich ihm am Wochenende gerne. Durch die Padres ist es mir immer wieder möglich, die Umgebung von Coroico kennenzulernen. Oft müssen sie mehrere Stunden Autofahrt zurücklegen, um eine Heilige Messe zu feiern. Wenn ich sie am Wochenende begleiten kann, bekomme ich immer wieder einen tiefen Einblick in die Landschaft und Lebensweise der Dörfern um Coroico.

Besonders bei den festlichen Höhepunkten der katholischen Kirche wie Allerheiligen, Weihnachten und Ostern konnte ich bisher die großen kulturellen Unterschiede miterleben. Ich finde es sehr spannend, die bolivianische Kultur immer besser kennenzulernen.Die Mischung meiner Aufgabenbereiche, die Zusammenarbeit mit Kindern und Jugendlichen und die praktische Arbeit, passt perfekt zu mir und durch die große Abwechslung wird jeder Arbeitstag zu einem neuen Erlebnis.

An meinen Abschied von Bolivien möchte ich im Moment noch nicht denken, da ich die Kultur immer mehr kennen- und schätzen lerne. In den verbleibenden drei Monaten meines Freiwilligendienstes werde ich nochmals besonders mein unkompliziertes Umfeld und die wunderschöne Natur Boliviens genießen. Zurück in Deutschland werde ich nochmals die Schulbank drücken, um die Fachhochschulreife zu erlangen. Im Anschluss möchte ich mich in die Richtung der Sozialen Arbeit orientieren.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen