Markdorfs Ex-Bürgermeister Gerhard Thiede war schon im Dritten Reich Schultes

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Markdorfs Ex-Bürgermeister Gerhard Thiede war schon im Dritten Reich Schultes (Foto: Archiv)
Schwäbische Zeitung
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Es ist die dunkelste Zeit der deutschen Geschichte gewesen, die Jahre der nationalsozialistischen Diktatur zwischen 1933 und 1945. Dieser Tage jährt sich zum 80. Mal die Anordnung des NS-Regimes, die Stadt- und Gemeinderäte aufzulösen und die Gemeinderäte vom Bürgermeister einsetzen zu lassen. Damit endete die Demokratie in den Kommunen.

Nach dieser Anweisung aus Berlin wurde damals Markdorfs ehemaliger Bürgermeister Gerhard Thiede (1957 bis 1975) von der NS-Politik in Amt und Würden gehoben – in Sachsen-Anhalt.

Mehr noch: Er war, so zeigen es Unterlagen aus mehreren Archiven, Mitglied in der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) und gründete im September 1930 zeitgleich zu seinem Parteieintritt die NSDAP-Ortsgruppe in Zörbig (Sachsen-Anhalt). Nach Unterlagen der Hauptkammer München aus dem Jahr 1951 gilt Thiede im Rahmen des Entnazifizierungsverfahrens als politischer Mitläufer.

Thiede hat, und das wird trotz seiner NS-Vergangenheit unbestritten bleiben, große Verdienste an der Entwicklung der Gehrenbergstadt. So stieg die Einwohnerzahl in seiner Amtszeit von 4000 auf mehr als 10000 Bürger an, die Gründung des Bildungszentrums Markdorf ist mit seinem Namen eng verbunden. Stadthistoriker Manfred Ill, der zu Thiedes Amtszeit im Gemeinderat saß, kann sich an Thiede noch gut erinnern: „Er war ein außergewöhnlicher Mann, der sich für den Ausbau Markdorfs und der Bildung, vor allem bei der Ansiedlung des Bildungszentrums sehr engagiert hat. Er hat seine Verdienste für die Stadt Markdorf.“

Sicherlich, die Unterlagen aus der Zeit des Nationalsozialismus sind nur fragmentarisch, da zum Ende des Zweiten Weltkriegs viele Akten vernichtet worden sind. Große Rückschlüsse auf die Art und Weise, wie Thiede seine Ämter ausführte, sind aus den archivalischen Angaben nicht möglich. Sicher ist, dass er von 1937 bis 1943 Bürgermeister im heutigen Stadtteil Greppin der Stadt Bitterfeld-Wolfen und ab Oktober 1943 hauptamtlicher Bürgermeister in Eilenburg war.

Personalakte nicht einsehbar

Die Stadt Markdorf, die Thiede zum Ehrenringträger ernannt hat (bei Wikipedia steht irrtümlicherweise Ehrenbürger), hat bisher seine Personalakte noch nicht ins Archiv gegeben. Daher sind bei Anke Kandler, Mitarbeiterin im Kulturamt des Bodenseekreises, keine Informationen über Thiede zu bekommen. Rückschlüsse aufgrund der in Markdorf vorliegenden Akte auf Herkunft und Vita von Thiede, der Ehrenbürger von Markdorfs Partnerstadt Ensisheim war, sind somit nicht möglich. Auch Bürgermeister Bernd Gerber erteilt keine Auskunft. Dieses Vorgehen ist nach Auskunft des Landratsamts auch statthaft: „Die Frist zur Einsicht ist nach Ansicht unseres Hausjustiziars aus datenschutzrechtlichen Gründen noch nicht überschritten“, sagt Landratsamts-Pressesprecher Robert Schwarz.

Sonja Roesink aus Hamburg hat sich in den vergangenen Jahren stark mit der NS-Vergangenheit von Gerhard Thiede auseinandergesetzt. Dazu hat sie auch allen Grund: Ihr Vater, Walter Hageneier, wurde 1933 aus dem Bürgermeisteramt der Stadt Zörbig gejagt. Dort hatte der 36-Jährige im Jahr 1930 seine erste größere Verwaltungsstelle angetreten. Aus der Tagespresse des Bitterfelder Tagblatts vom 4. Juli 1933 ist Folgendes zu erfahren: „Im Laufe des gestrigen Montags wurden in Zörbig weitere Personen in Schutzhaft genommen, unter anderem der frühere SPD-Bürgermeister Hageneier, der seinerzeit durch Lauheit der Bürgerlichen zum Stadtoberhaupt ernannt wurde. Es wurde ihm ein Schild in die Hände gedrückt mit der Aufschrift ‚Der Schildbürgermeister von Zörbig‘, mit dem er durch mehrere Straßen geführt wurde.“

„Nazifunktionen durchgeführt“

Sonja Roesink, die im Mai 86 Jahre alt wird, erinnert sich noch an Thiede: „Sein Auftreten, seine brutale Art meinen Eltern gegenüber, hat sich mir fest eingeprägt, obwohl – oder weil – ich erst sechs Jahre alt war. Vom Fenster habe ich damals mit angesehen, wie man meinen Vater über den Marktplatz trieb, demütigend für ihn.“ Walter Hageneier flüchtete kurze Zeit später aus Zörbig.

Es ist nur schwer zu glauben, dass NSDAP-Ortsgruppenleiter Gerhard Thiede von der Aktion nichts gewusst hat. Indes, in den noch vorhandenen archivalischen Unterlagen ist nichts darüber zu finden, ob und wie Thiede involviert war. Im Landeshauptarchiv von Sachsen-Anhalt, Abteilung Magdeburg, gibt es jedoch den Hinweis, dass Thiede „bis 1937 in Zörbig Nazifunktionen durchgeführt“ hat.

Die Zörbiger Ortsgruppe der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), das ist aus Unterlagen des Heimatmuseums Zörbig ersichtlich, schrieb jedenfalls im Februar 1947 an ihre Parteigenossen in Greppin, dass Thiede als „Ortsgruppenleiter bei der Machtergreifung alle KPD- und SPD-Funktionäre verhaften und ins Konzentrationslager überführen ließ. (…) Thiede war derjenige, der die hitlerfaschistischen Maßnahmen hundertprozentig bis zu seinem Abgang nach Greppin rücksichtslos durchgeführt hat. Wir sind der Meinung, dass Thiede ein Aktivist ist, der in unserem Ort an erster Stelle steht.“ Diese Einschätzung könnte aber auch stark politisch gefärbt sein.

Im Heimatmuseum findet sich auch eine undatierte Erinnerung eines gewissen Walter Voigt, der selbst Mitglied in der NSDAP und Schutzstaffel (SS) war. Darin heißt es über Gerhard Thiede: „Auf meine Warnung an Thiede, derartige gemeine Racheakte zu unterlassen, da ich andererseits Beschwerde führen würde, bekam ich zur Antwort, dass der Kreisleiter alles decken würde und er sich hier erlauben könne was er wolle, und wenn ich nicht aufhören würde, seinen Maßnahmen entgegenzuarbeiten, wolle er mich ins KZ bringen.“ Auf Betreiben von Thiede wurde Voigt dann nachfolgend in einem Verfahren aus der SS ausgeschlossen.

Dass es sich bei dem Gerhard Thiede aus Sachsen-Anhalt um Markdorfs ehemaligen Bürgermeister handelt, zeigt Andreas Flegel, Leiter des Stadtmuseums Eilenburg, auf. So schreibt er in einem Brief an Sonja Roesink: „Thiede wurde nach dem Zweiten Weltkrieg (ab 1957) ein hoch geehrter und anerkannter Bürgermeister in dem Bodenseestädtchen Markdorf.“

Auch die Geburtsangabe im Lebenslauf von Gerhard Thiede aus dem Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt, Abteilung Merseburg, lässt diesen Schluss zu. So wurde der NS-Bürgermeister am 21. Mai 1907 in Borek (Kreis Koschmin, Regierungsbezirk Posen) geboren. Thiede starb 1986 im Alter von 79 Jahren in Markdorf.

Der damalige Markdorfer Bürgermeister Eugen Baur, der das Amt im Jahr 1975 von Gerhard Thiede übernommen hatte, bezeichnete laut eines Presseberichts Thiede als „einen Mann der Gerechtigkeit und des Ausgleichs“. Attribute, die sich Thiede allerdings erst nach 1945 errungen haben dürfte.

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