Lyrische Zeitreise durch die Jahrhunderte

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Lyrische Zeitreise durch die Jahrhunderte
(Foto: Helmut Voith)
Christel Voith

Jetzt ist das große Opus vollbracht: Mit Peter Schindlers gut zweistündiger szenischer Kantate „Sonne, Mond und Sterne“ haben die Musikfreunde Markdorf am Samstagabend sich selbst und ihren Zuhörern in der alten Turnhalle des Bildungszentrums ein großartiges Geburtstagsgeschenk zu ihrem Vierzigsten gemacht.

„Die Welt ist groß, das Leben ist bunt, die Möglichkeiten unendlich. Es macht mir einfach Spaß, einen musikalischen Regenbogen zu komponieren“, hat der Komponist in einem Interview zur Stuttgarter Uraufführung im Juli 2011 gesagt. Und den gleichen Spaß hatten jetzt die Musikfreunde, das gewaltige Kaleidoskop des Lebens mit seinen vierzig Nummern aufzuführen und dabei nicht nur musikalisch, sondern auch optisch mit Bühnenbild und Lichtregie, mit Spiel und Tanz das Letzte aus der Partitur herauszuholen.

Alle wirken zusammen

Alle wirkten zusammen: das Orchester der Musikfreunde zusammen mit einer Rhythmusgruppe, der Konzertchor der Musikfreunde mit dem angeschlossenen Chor der Airbus BSG Dornier Chor- und Instrumentalmusik, der Chor der Kleinen Oper am See, der sich auch rhythmisch über die große weiße Fläche vor den Tribünen bewegte, und die fünf Tänzerinnen der Überlinger Tanzgruppe Körperarbeit und Tanz um die Tanzpädagogin Bianca Kummer, die auch die Choreografie der bewegten Chorszenen übernommen hatte. Einstudiert hat Hans-Jörg Walter das Orchester, während Uli Vollmer die Chöre einstudierte und das Gesamtopus dirigierte – meist vom Podest beim Orchester, während er bei A-cappella-Gesang vor die Spielfläche eilte.

Peter Schindler hat für seinen großen Bogen um Zeit und Ewigkeit, um Gestirne und den Lauf des Lebens mit dem uralten Spiel von Liebe, Glück und Entsagung Gedichte aus „Des Knaben Wunderhorn“, dazu von Oswald von Wolkenstein über Gryphius, Goethe, Schiller und Mörike bis zu Paula Dehmels „Zwei Gesellen“ herangezogen und ihnen die je passende Musik aus allen Stilrichtungen zugeschrieben: von der Gregorianik, Kontrapunktik zu Spätromantik und Neoklassizismus, dazu auch Jazz und Pop.

Heiteres steht neben Besinnlichem und Todernstem, Sehnsucht neben glücklicher Erfüllung, romantische Balladen neben deftig-komischen Moritaten. Lose ist die lyrische Zeitreise verbunden durch Mann und Frau, die einander immer wieder begegnen und wohl doch nicht wahrnehmen.

Diese Begegnungen der Solisten bringen eine besondere Spannung in den überwiegend von den Chören getragenen musikalischen Reigen, zumal mit Isabelle Marquardt und Albrecht von Stackelberg zwei starke Persönlichkeiten ausgewählt waren, die sängerisch und darstellerisch in ihren Bann zogen. Während die Chöre die Spannweite vom Mittelalter bis ins rhythmisch bewegte Heute bestens ausfüllten, zeigte der Bariton immer neue Gesichter des Mannes – des Verführers wie des köstlich parodierenden Liebeskranken wie des Mahners –, und Isabelle Marquardt war mit ihrem lyrischen Sopran die zarte, die liebende und entsagende Frau, die die Herzen betörte.

In ihrer Hand lag zugleich das Gesamtkonzept der szenischen Umsetzung, die die Markdorfer Aufführung zur Uraufführung machte. Lange, in kräftigen Farben bemalte Stoffbahnen zeigten im Hintergrund bereits das zu durchschreitende Universum auf, während vorne die Lieder und Gedichte immer neue bewegte Umsetzungen forderten.

So umringten lüsterne schwarze Kapuzenmänner die vor ihnen tanzende weiße Frau, schwarze Tafeln wurden in die Höhe gehoben, fügten sich am Boden zum Kreuz, auf dem ein junges Mädchen klagt, dass es ein „Nönnlein“ werden soll. Köstlich frech zeigen lebende „Automaten“, wie der angeblich ins Heu gefahrene Bauer seine Frau in den Armen des Reitersknechts erwischt: „Der Teufel mag fahren ins Heu!“ In lebhafter Choreografie wogte der Chor anfangs bei der Anrufung der Ewigkeit wie am Ende, als der Kreis sich schloss.

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