Händels Oratorium „Saul“ wird zum Ereignis

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Zum großen Ereignis wurde Händels Oratorium „Saul“ unter der Leitung von Christian Ringendahl mit dem Kirchenchor, dem Orchester
Zum großen Ereignis wurde Händels Oratorium „Saul“ unter der Leitung von Christian Ringendahl mit dem Kirchenchor, dem Orchester und den Solisten. (Foto: Christel Voith)
Schwäbische Zeitung
Christel Voith

Mit Georg Friedrich Händels Oratorium „Saul“ hat sich der Kirchenchor St. Nikolaus zum Stadtjubiläum ein gewaltiges Werk vorgenommen – ein über dreistündiges gigantisches Tongemälde von barockem Ausmaß mit einer dramatischen Handlung und einer Fülle von Figuren, so dass es mit Bildern von Rubens verglichen wird. Eine gewaltige Herausforderung, die Chor, Solisten und Musiker unter der Leitung von Kantor Christian Ringendahl großartig gemeistert haben.

Dankbar angenommen wurde das Angebot einer Einführung, in der Elisa Ringendahl das Werk in seine Zeit einbettete und kurz den Inhalt umriss, den erbitterten Kampf des neidzerfressenen Königs Saul gegen den siegreichen jugendlichen David, der ihn um seinen Thron fürchten lässt. Saul geht unter, David steigt zum neuen König auf.

Emotionsgeladen sind Chöre und Arien in diesem Königsdrama. Gerne hätte man den Text mitgelesen, doch nach einigem Einhören konnte man dem Text folgen, der großartigen Umsetzung in eine Musik, die hochdramatisch, aber auch fein lyrisch oder geisterhaft sein konnte. Die Chöre kommentierten oder trieben die Handlung voran, feierten triumphierend den Sieg Davids – fast wie ein Kampfruf klang hier das Alleluja – oder übernahmen das zeremonielle Gebet des Hohenpriesters, der Gott um Schutz vor dem „wilden Saul“ bittet. Vehement verurteilte der Chor und damit das Volk Sauls Neid, die „höllgeborne Brut“, dramatisch verurteilte er dessen wilde Wut. Nach großer Trauer um Saul und mehr noch um seinen treuen Sohn Jonathan pries der Chor in einem gewaltigen Schlusschor David als neuen König. Bestechend waren die Präsenz und die Transparenz des Chores, auch dann, wenn Männer- oder Frauenchor allein gesungen haben.

Dieselbe Spannung von Dramatik und lyrischen Momenten lag in der Musik. Schon die breit angelegte Ouvertüre ließ die Spannweite anklingen, die das kleine Orchester sehr gut herüberbrachte. Ganz besonders dicht war der Trauermarsch mit seiner stillen Würde, die schleppenden Geigen, die eindringlichen Paukenschläge, das feine Orgelspiel, das eine überirdische Helligkeit einbrachte, als sollten die Töne die Toten emporziehen. Noch weitere Orgelsoli hat Händel eingebracht, wie Elisa Ringendahl meinte, wohl weil er gerade eine eigene Orgel erworben hatte – zart hat sie gespielt, ebenso wie Stéphane Bölingen, der die Sänger am Cembalo begleitete.

Bassist Manuel Kundinger singt den wahnsinnigen Saul

Glücklich war die Wahl der Sänger, allen voran Bassist Manuel Kundinger als dem Wahnsinn verfallender Saul. Wütend schleuderte er den blutigen Hass des Königs heraus, ergreifend die Verzweiflung, als er keine Rettung mehr sah. Dass er zugleich den Propheten Samuel sang, der ihm den Tod prophezeit, machte die Szene besonders gespenstisch. Gleich vier Figuren wurde der Tenor Marcus Ullmann gerecht – einerseits war er Sauls lyrischer und emotionaler Sohn Jonathan und zugleich Hexe, Hohepriester und Diener.

Statt eines Countertenors sang die Mezzosopranistin Pia Buchert souverän den David, legte Entschlossenheit und zugleich große Wärme in die Partie – sehr schön war das Liebesduett mit Jonathan. Von ganz verschiedenen Seiten zeigte sich die Sopranistin Ylva Stenberg, die im vergangenen Jahr bei der „Klangwelt Rittersaal“ bezaubert hatte, denn Sauls Tochter Merab wandelt sich von der hochmütigen, den Hirtenjungen David in höchsten Koloraturen ablehnenden Königstochter zur mitfühlenden Frau. Lyrisch sang Stephanie Bogendörfer die liebende Tochter Michal, die zusammen mit ihrer Schwester Merab den Tod des Vaters, aber auch des Geliebten betrauern muss.

Ein großes Ereignis für den Kirchenchor und für Markdorf – alle Mühen haben sich gelohnt.

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