Dirigent treibt zu Höchstleistungen an

Lesedauer: 5 Min
Mal laut, mal leise, mal lächelnd, mal grimmig: Tim Reynish verkörpert die Musik, die er dirigiert.
Mal laut, mal leise, mal lächelnd, mal grimmig: Tim Reynish verkörpert die Musik, die er dirigiert. (Foto: Lena Reiner)
Schwäbische Zeitung
Lena Reiner

Im Markdorfer Feuerwehrhaus, im Probenlokal der Markdorfer Stadtkapelle, ist es am Montagabend ungewohnt turbulent zugegangen. Für ein gemeinsames Konzert hat sich die Kapelle mit den Meersburgern zu einem großen Orchester zusammengeschlossen. Dieses Projektorchester probt für ein Konzert am Sonntag, 22. Oktober.

Geleitet wird dieses Orchester nicht etwa von Marianne Halder oder Reiner Hobe – die die Kapellen üblicherweise dirigieren – sondern von Gastdirigent Tim Reynish. „Euer 'Fortissimo' muss viel lauter sein, ich kann euch nicht hören!“, spornte dieser in rauem Tonfall und mit großen Gesten die Musiker an. Dann wieder stichelte er das Klarinettenregister, sie würden wohl meinen, er höre sie nur während ihrer Soli. Ebenso herzlich lobte er die Musiker, wie er sie kurz zuvor noch rau und forsch zu Höchstleistungen angetrieben hatte. Ab und an scheiterten seine Hinweise an der Sprachhürde – denn Reynish leitete auf Englisch an – doch auch das kommentierte er, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen.

„Eigentlich sollen wir Dirigenten gar nicht reden, aber wir tun es alle. Reiner redet auch viel und ich rede viel zu viel.“ Grundsätzlich sei es nämlich egal, welche Sprache die sprächen, die im Orchester spielten. Mit dem Taktstock könne man alles zeigen, was man als Dirigent ausdrücken müsse. Ebendiesen schwingt Reynish nun seit fast 56 Jahren.

Mit 24 habe er das Dirigieren für sich entdeckt, damals noch mit Hauptberuf Lehrer. „Richtig ernst genommen habe ich es aber erst fünf Jahre später. Da fing ich dann an, Bläsercombos anzuleiten.“ Noch ein wenig später habe er dann angefangen, das Dirigieren selbst zu unterrichten.

79-Jähriger ist begeistert von Marianne Halders Stimme

Der 79-Jährige hat während seiner Laufbahn schließlich Marianne Halder kennengelernt, die ihrerseits den Taktstock schwingt und zwar bei der Meersburger Stadtkapelle. „Ich habe sie singen gehört. Sie hat eine großartige Stimme!“, ergänzte er und dass die Idee eines gemeinsamen Projekts aus der langen Freundschaft zu ihr und Hobe entstanden sei. Doch damit nicht genug der persönlichen Bezüge: Die „Yiddish Dances“ von Adam Gorb habe er zu seinem 60. Geburtstag geschrieben bekommen. „Als ich ihn kennen lernte, hat er gar keine jüdische Musik gemacht. Damals sagte ich noch zu ihm: ,Das musst du doch machen!’ Heute haben seine meisten Werke ein bisschen Klezmer drin“, erinnerte Tim Reynish sich zurück.

Um die Musiker auf das Stück einzustimmen, forderte er sie auf, richtig „dirty“ zu spielen. „Die Stücke erzählen zwar versaute Witze, aber mit verdammt viel Charme“, erläuterte er. Daher seien die Melodien auch durchweg phrasiert zu spielen – die musikalische Wiedergabe des Charmes.

Halder freute sich über dieses Stück im Programm besonders. „Ich spiele selbst viel Klezmer, das ist mein musikalisches Magen- und Leibgericht.“

Die übrige Werkauswahl ist weniger „dirty“, dafür nicht minder anspruchsvoll für das Projektorchester. Gustav Holsts erste und zweite Suite sind Teil davon sowie Guy Woolfendens „Gallimaufry“ und Percy A. Graingers „Colonial Songs“.

Bei letzteren lautet die Anweisung des Gastdirigenten, sie sollten „ein bisschen militärischer“ gespielt werden, es handle sich schließlich um kein Liebeslied.

Wer Tim Reynish und das Orchester live erleben möchte, der ist herzlich zum Konzert am 22. Oktober um 17 Uhr in der Markdorfer Stadthalle eingeladen.

Der Eintritt kostet 15 Euro. Der Vorverkauf findet bei Meersburg Tourismus, Friseur Reifsteck, Buchhandlung Wälischmiller und der Markdorfer Stadtkapelle direkt statt.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen