Architekten fordern mehr Rücksicht auf Kulturlandschaft

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Architekten fordern mehr Rücksicht auf Kulturlandschaft
Schwäbische Zeitung
Redakteur Südfinder

Die mögliche Ansiedlung von Windkraftanlagen auf Gehrenberg oder Höchsten hat für heftige Diskussionen gesorgt. Die Architektenkammer Baden-Württemberg hat nun zu einem Hearing im Berggasthof Höchsten geladen, um sich mit dem Spannungsfeld von Landschaftsnutzung und Landschaftskultur auseinanderzusetzen und sich über fachliche Aspekte der Standortwahl zur Windenergienutzung auszutauschen.

Prominenteste Rednerin war dabei Beate Jessel, Präsidentin des Bundesamts für Naturschutz in Bonn. „Um einen effektiven Klimaschutz zu erreichen, ist ein Ausstieg aus der Atomenergie unbedingt notwendig. Das wird nicht zuletzt unserer Landschaft und der biologischen Vielfalt zugutekommen“, ist die Expertin überzeugt. „Wir müssen aber auch erkennen, dass diese Entwicklung nicht konfliktfrei sein wird. Der Ausbau der erneuerbaren Energien wird dazu führen, dass Energie in der Landschaft stärker zu sehen sein wird, also Landschaft stärker beanspruchen wird“, so Jessel. Sie spricht davon, „sinnvolle Leitplanken“ zu definieren, was den Ausbau der regenerativen Energien und den damit einhergehenden Flächenverbrauch betrifft. „Erneuerbare Energien erfreuen sich großer Akzeptanz in der Bevölkerung, auf einer abstrakten Ebene“, führt die Bundesamtspräsidentin aus und spricht von einer „kognitiven Dissonanz“: Die Menschen wollten zwar die Energiewende, aber von den dafür notwendigen Maßnahmen nicht betroffen werden.

Jessel ruft dazu auf, die Möglichkeiten einer übergreifenden räumlichen Steuerung und Gestaltung am Standort zu nutzen. „Wir stellen uns dieser Aufgabe in der Region. Seit anderthalb Jahren beschäftigen wir uns mit dem Thema Windkraft beziehungsweise eingebunden in das größere Thema Energiekonzept Bodensee-Oberschwaben“, stellt dazu Winfried Franke, Direktor des Regionalverbands Bodensee-Oberschwaben, fest. „Wir brauchen uns nicht zu verstecken. Wir haben gerade hier in den Landkreisen bereits einen 35-prozentigen Anteil erneuerbarer Energie – der Durchschnitt in Deutschland liegt bei 20 Prozent“, formuliert Franke. Baden-Württemberg habe 53 Prozent des Stroms aus Atomkraft gewonnen, deswegen sei der Umstieg auch so eine große Herausforderung. „Was wir tun, müssen wir so schonend tun ,wie wir können, aber es wird zu einer deutlichen Änderung des Landschaftsbildes führen“, ist Franke überzeugt.

Bernadette Siemensmeyer, Landschaftsarchitektin aus Überlingen, formuliert das Resümee der Veranstaltung: „Die Kulturlandschaft hat gerade in Baden-Württemberg einen hohen Stellenwert. Gefordert wird eine intensive Auseinandersetzung mit ihrer Vielfalt, Schönheit und Eigenart“, benennt Siemensmeyer die Forderungen der Architekten. Bei der Ausgestaltung von Windfarmen seien landschaftsästhetische Kriterien anzuwenden, wie etwa die landschaftsgerechte Anordnung von Windanlagen.

Eine weitere Forderung: Für die Landschaftsbildbewertung sollten möglichst auf regionaler Ebene einheitliche und qualifizierte Bewertungssysteme angewandt werden. „Außerdem sollten die Ersatzzahlungen und -maßnahmen für Eingriffe in das Landschaftsbild direkt in der Region eingesetzt werden und nicht – wie im Windenergietlas vorgesehen – in den Naturschutzfonds Baden-Württemberg eingezahlt werden“, formuliert Siemensmeyer eine weitere gemeinsame Forderung der Architekten.

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