Zoff im Mietshaus: Roma-Familie muss umziehen

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Schief gelaufen: Wer wann die Wäscheleine benutzt, soll in dem Langenargener Mietshaus zum Problem geworden sein.
Schief gelaufen: Wer wann die Wäscheleine benutzt, soll in dem Langenargener Mietshaus zum Problem geworden sein. (Foto: dpa)
Schwäbische Zeitung
stellv. Regionalleiterin

Miefige Schuhe im Hausgang, ein zur falschen Zeit belegter Wäschekeller, falsch getrennter Müll, Beschimpfungen, Unterstellungen, Bespucken: Wer wen wie beschuldigt und was wirklich in einem Mietshaus in Langenargen im vergangenen Jahr passiert ist, kann kein Außenstehender nachvollziehen. Klar ist nur, dass eine Roma-Familie und andere Bewohner nicht friedlich zusammenleben können.

Die Folge: Die Gemeinde als Mieterin schickt Eltern und Kinder aus Serbien, die sie 2015 dort untergebracht hat, in den nächsten Tagen in eine andere Unterkunft. „Zum Schutz der Familie“, sagt Bürgermeister Achim Krafft. Eine „völlig unsensible Vorgehensweise“ erkennt dagegen Jochen Kramer von der „Leuchtlinie“, einer Beratungsstelle für Betroffene rechter Gewalt in Stuttgart.

„Gehen von rechter Gewalt aus“

Es sei nachvollziehbar, dass die Parteien getrennt werden müssten, denn es sei manches schief gelaufen, versichert Jochen Kramer im Gespräch mit der Schwäbischen Zeitung. Sein Aber: „Die Gemeinde muss dafür sorgen, dass der Umzug von der Roma-Familie nicht als Strafaktion wahrgenommen wird, so wie es gerade den Anschein hat.“ Und das nicht zuletzt deshalb, weil Eltern und Kinder wieder in der sogenannten Baracke untergebracht würden, aus der sie vor einem Jahr ausgezogen seien. Den Asylbewerbern, die mit ihren Kräften psychisch und physisch am Ende seien, müsse beigestanden und erklärt werden, dass ihr Leben dadurch wieder lebenswerter werde. Nach einem Besuch der Familie und ihrer Betreuerin in der vergangenen Woche in Langenargen fällt das Urteil des Beraters über das Verhalten von Teilen der Nachbarschaft deutlich aus: „Wir gehen auf jeden Fall von rechter Gewalt aus.“

Um Hilfe gebeten hat die Beratungsstelle, die von der Türkischen Gemeinde in Baden-Württemberg getragen und vom Land gefördert wird, die Betreuerin der Roma-Familie vom Langenargener Helferkreis Asyl. Die Frau ist davon überzeugt, dass die Asylbewerber, die posttraumatisch belastet und zum Teil deshalb in Behandlung seien, eindeutig die Opfer in der Geschichte sind, und zwar „Opfer ausländerfeindlicher Übergriffe“ – weshalb sie auch Anzeige erstattet habe. Die Mutter sei als „Zigeunerschlampe“ bezeichnet worden, berichtet die Betreuerin und zieht den Schluss: Bestimmte Nachbarn hätten die Familie von Anfang an nicht haben wollen.

Bürgermeister darf sich nicht äußern

Wer tatsächlich Täter und/oder Opfer im Nachbarschaftsstreit ist, dazu will Bürgermeister Achim Krafft nichts sagen. Doch lässt seine knappe Antwort darauf schließen, dass es nicht derart einfach sein dürfte, eine Partei allein als Schuldige auszumachen: „Ermittlungsverfahren laufen in beide Richtungen, ich darf mich nicht äußern.“ Zudem sei es ohnehin nicht üblich, dass die Gemeinde einen Kommentar abgebe, wenn Obdachlose aus welchen Gründen auch immer von einer Unterkunft in eine andere umziehen müssten. „Für gewöhnlich interessiert es auch kaum jemanden, wie wir solche Probleme lösen“, betont der Bürgermeister.

Obdachlose beziehungsweise die Vermeidung von Obdachlosigkeit gehören in den Zuständigkeitsbereich der Kommunen. Davon sind auch Asylbewerber betroffen, wenn sie sonst auf der Straße stehen würden. Soll heißen: Die Kommune muss Betroffene unterbringen und kann sie auch wieder umsetzen. Die Wohnung in besagtem Haus hat Langenargen als Notunterkunft gemietet, alle anderen Bewohner sind laut Achim Krafft „normale Mieter“. Der Vermieter, eine Gesellschaft, hat der Betreuerin der Roma-Familie zufolge nach Beschwerden mehrerer Bewohner damit gedroht, den Vertrag mit der Gemeinde zu kündigen.

Unterstützung beim Umzug

„Es gibt in dem Haus schon seit längerem massive Schwierigkeiten“, erklärt der Bürgermeister darauf angesprochen ganz allgemein. „Jetzt reagieren wir.“ Auf den Vorwurf Jochen Kramers von der „Leuchtlinie“, es gebe kein Signal der Unterstützung der Roma-Familie, die als schwächstes Glied in der Kette den Kürzeren ziehe, entgegnet Achim Krafft: „Es werden drei Leute von unserem Sicherheitsdienst beim Umzug helfen. Wir erwarten aber auch, dass sich die Betroffenen unterstützend einbringen.“ Eine Notwendigkeit, mit der Beratungsstelle in Stuttgart in Kontakt zu treten, sieht der Bürgermeister nicht: „Das ist für uns ein normaler Vorgang, es gibt keinen Ansatz für ein Gespräch.“

Die Umzugshilfe reicht der Betreuerin nicht. So schlimm es sei, dass die Roma-Familie zurück in die Baracke müsse, „ich sehe ein, dass es nicht anders geht“. Ihre Forderung: Dann solle das Gebäude hergerichtet, und es müsse dafür gesorgt werden, dass die Familie alleine darin wohne. Unabhängig von der schlechten Bleibeperspektive der Eltern und Kinder, die aus dem als sicher eingestuften Herkunftsland Serbien stammen – was die Helferin ohnehin anders beurteilt: „Es geht hier um humanitären Schutz, die Familie hat entsprechende Atteste.“

Beratungsstelle erkennt Diskriminierung

Für Jochen Kramer von der Beratungsstelle „Leuchtlinie“ steht fest, was in dem Langenargener Mietshaus geschehen ist: „Diskriminierung von Roma wird als Nachbarschaftsstreit etikettiert und ausgetragen.“ Es bestehe kein Grund an den Ausführungen der Familie aus Serbien zu zweifeln. Demnach verfolge eine bestimmte Partei im Haus das Ziel, Eltern und Kinder loszuwerden. Entsprechend werde der Fall der Roma-Familie in das „Monitoring rechtsmotivierter Straftaten in Baden-Württemberg“ aufgenommen, ist in dem Schreiben zu lesen, das der Berater am Donnerstag per E-Mail an die Gemeinde Langenargen geschickt hat. Kopien gingen unter anderem an Amnesty International, die Fachstelle Rechtsextremismus, den Landesverband Sinti und Roma, das Ministerium für Soziales und Integration Baden-Württemberg und die Schwäbische Zeitung.

Ein Vorwurf Jochen Kramers: Die Gemeinde habe versucht, das Verwaltungsgericht in Sigmaringen zu beeinflussen, das Asylverfahren des Vaters zu beschleunigen. Zwei seiner Forderungen: den Auszug zu verschieben und so zu gestalten, dass fremdenfeindlichen Äußerungen Positives entgegengesetzt werde. Die Beratungsstelle unterstütze die Gemeinde gern dabei, für die Zukunft nach Möglichkeiten der Prävention zu suchen, bietet Jochen Kramer an. Langenargens Bürgermeister sieht bislang keinen Grund, mit dem Berater zu sprechen (siehe oben).

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