Mobile Momente: Der Augenblick zählt

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Schwäbische Zeitung
stellv. Regionalleiterin

Die Sonnenstrahlen, die sich ihren Weg durch dunkle Wolken bahnen und den See in göttliches Licht tauchen, als ob es darum ginge, die Ankunft eines Engels vorzubereiten. Das Blatt, das der Herbst orange-rot angemalt, mit Regentropfen verziert und auf dem gemusterten Pflaster abgelegt hat. Der Schwan, der selbst im Angesicht einer bedrohlichen Gewitterfront in aller Ruhe seinen Schnabel auf die Suche nach einer Mahlzeit schickt, die er unter der Wasseroberfläche wähnt – Christian Steiauf schöpft bei der Motivauswahl mit Vorliebe aus dem unendlichen Repertoire, das die Welt zu bieten hat. Seine Strategie: Er nutzt die Gunst des Augenblicks und macht sich ein Bild davon.

Und das mit der Kamera seines Mobiltelefons, dessen originäre Bestimmung zugegebenermaßen eine andere ist, das aber nicht zuletzt durch seine Griff- und Einsatzbereitschaft besticht. Das Ergebnis kann sich trotzdem oder gerade deshalb sehen lassen. Denn heraus kommen bezaubernde Aufnahmen, die dem Betrachter in ihrer Einzigartigkeit zum Teil schmerzhaft vor Augen führen, wie wunderschön und wie vergänglich ein einzelner Moment ist. „Was mich besonders fasziniert, sind Eindrücke, die nur die Natur hinterlassen kann“, sagt der 43-Jährige.

Sein bildhaftes Beispiel: „Wer einmal vom Mäuerle neben dem Langenargener Schloss aus einen Sonnenuntergang in einer Farbintensität von gleißend weiß bis glutrot und die dazu gehörigen Reflexionen auf dem Wasser beobachtet hat, wird dieses Naturschauspiel eine Weile in Erinnerung behalten.“ Und allen, die dauerhaft etwas davon haben wollen, hilft der Künstler gerne mit einer Bild gewordenen Gedächtnisstütze weiter: Seine Foto-Kacheln sind 20 mal 20 Zentimeter groß, 69 Gramm leicht und besitzen ihre Anziehungskraft nicht nur, weil sie magnetisch sind.

Die Entstehungsgeschichte: Die Aufnahmen werden per iPhone eingefangen, bearbeitet und direkt auf verschiedenen sozialen Plattformen im weltweiten Netz veröffentlicht. „Das ist eine sehr spontane Kunstform“, betont der Langenargener, der sich zwischendurch auch eine Stunde Zeit nimmt, um eine Biene im Anflug auf die Sonnenblume und damit den richtigen Augenblick zu erwischen. Jedoch: „Irgendwann war mir die virtuelle Betrachtung zu dünn. Ich wollte meine Motive im Zusammenhang und im realen Raum sehen und zeigen.“

Die Folge: Vor zwei Jahren startete der 43-Jährige sein Projekt „Mobile Momente“ und stellt seitdem seine Magnetbilder in Cafés, Bankhäusern, Büchereien, bei Veranstaltungen wie zuletzt „Kunst am Gleis“ in Meckenbeuren oder ständig im Seehotel Litz in Langenargen aus: „Die Hängung lebt jeweils von der Gesamtwirkung. Behutsam ausgewählt ergeben die einzelnen Momente und deren Farbnuancen ein neues Ganzes.“

Und weil der Fotograf vor allem, aber nicht ausschließlich den Schönheiten der Heimat erlegen ist, finden in seinen Kompositionen sowohl Bangkok, Berlin und Bodensee als auch Natur, Architektur und Abstraktion zueinander. In Bildsprache: Farbenprächtige Gewürze und geheimnisvolles Graffiti treffen beispielsweise auf eine Wendeltreppe von oben und verschwommene Bäume hinter einer verregneten Windschutzscheibe.

Das ganz konkrete Ziel des Langenargeners: größere Ausstellungsflächen zu bespielen. So lange Christian Steiauf den Moment zu schätzen weiß und mit dem Smartphone auf seine ihm eigene, kunstvolle Art einzufangen vermag, wird ihm das Anschauungsmaterial jedenfalls nicht ausgehen. Oder um es mit der französischen Chansonsängerin Édith Piaf (1915 - 1963) zu sagen: „Das Leben ist wundervoll. Es gibt Augenblicke, da möchte man sterben. Aber dann geschieht etwas Neues, und man glaubt man sei im Himmel.“

München – Lagos – Langenargen

Über welch außergewöhnlichen Malkasten die Natur verfügt, bekommt Christian Steiauf sehr früh mit. 1970 in München geboren verbringt er seine ersten Jahre in Augsburg. Richtig bunt und prägend klingt die nächste Station: „Mein Vater war Ingenieur und arbeitete am neuen Flughafen von Lagos mit. Ich war sechs, als wir in Nigeria ankamen.“ Acht Jahre lang lebt er mit seiner Familie in Afrika, immer dabei: eine Kamera, deren einzige Funktion darin besteht, zu fotografieren. „Ananasblüten, Bananenstauden, Geckos im eigenen Garten und fliegende Händler am Strand – es gab so viel zu sehen und aufzunehmen“, schwärmt der 43-Jährige.

An den Bodensee verschlägt es ihn, nachdem er bei der Marine in Flensburg seine Ausbildung zum Horchfunker absolviert hat und 1990 in die damalige Peilstation im Eriskircher Ried versetzt wird. Nach Dienstende besucht er unter anderem die Multimedia-Akademie in Friedrichshafen, die er als Multimediaproduzent verlässt. Heute ist Christian Steiauf als freiberuflicher Experte im Bereich Marketing und Unternehmenskommunikation, Schwerpunkt Onlinemedien, vorrangig für den IT-Dienstleister DAM Group in Markdorf tätig.

Zur Smartphone-Fotografie kommt er, als ihm seine Digitalkamera während des Familienurlaubs 2010 in Thailand in ein Becken fällt , in dem sich neben seinen Beinen und Fischen auch mächtig viel Wasser befindet. Ein Kunstgriff, zu dem er sagt: „Asien ohne Fotoapparat geht gar nicht.“

Der Kontakt

Ein 20 mal 20 Zentimeter großes Magnetbild kostet 20 Euro, vier Fotos gibt es für 60 Euro. Christian Steiauf ist auf seinem Mobiltelefon unter 0163/2107555 zu erreichen – falls er nicht gerade damit fotografiert. Alle Motive gibt’s im Internet unter:

www.mobile-momente.de

Von Tanja Poimer

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