Mit „Kopfkino“ auf der Suche nach der tanzenden Revolution

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Scharfsinnig, dabei immer den Schalk im Nacken und stets auf der Suche nach der Sprache, begeistert Martin Zingsheim mit seinem
Scharfsinnig, dabei immer den Schalk im Nacken und stets auf der Suche nach der Sprache, begeistert Martin Zingsheim mit seinem „Kopfkino“ im Münzhof. (Foto: ANDY HEINRICH)
Schwäbische Zeitung
Andy Heinrich

Im Rahmen seiner „Welttournee“ hat ein neuer Stern am Himmel des Kabaretts am Mittwochabend Station im Münzhof Langenargen gemacht. Mit seinem Programm „Kopfkino“, zündete Martin Zingsheim ein buntes Feuerwerk des Lebens, das vom „Sinnesgesuch der Sprache“ bis hin zum Aufruf einer getanzten Revolution reichte, während er sich ganz nebenbei als Anhänger des radikalen Konstruktionismus outete.

Wenn es nach Martin Zingsheim ginge, müsse der Sinn der Sprache hinterfragt – oder besser: grundlegend verändert – werden. Schließlich sei alles eh nur Kopfkino, spiele sich alles hinter unserer Stirn ab. Der 31-jährige, oft spitzbübisch aber scharfsinnig und stets charmant wirkende Lockenkopf versteht es wie kaum ein anderer, dass produzierte Ergebnis unserer Hirnzellen mit reichlich Schalk im Nacken von der Bühne hinunter auf sein Publikum zu projizieren. Gekonnt wirbt er für die große, tanzende Revolution, lästert über sinnlose Online-Petitionen, die ohnehin in einer Sitzblockade 2.0 enden und sieht in der vorgehaltenen, objektiven Realität in Wirklichkeit eine sinnesgeprägte Wahrnehmung, die nicht selten von unterschiedlichen Assoziationsketten begleitet würden. Alles klar?

„Ich fordere einen Umbruch, ich fordere die leichte, kindliche Sprache als unverzichtbares Mitteilungsmittel. Nachrichten, Talkshow aber auch unsere Politiker würden alles verstehen: Das Leben könnte so einfach sein“. Er umschreibt den deutschen Expressionismus, wenn man zwei „Expressis“ bestellt, akzeptiert die gleichgeschlechtliche Liebe, wären da nicht die vielen Schwulen auf den Regenbogen-Demos, und fordert zugleich, die zwischenmenschliche Kommunikation zu stärken, idealerweise mit dem Smartphone – Whatsapp, Facebook und Co lassen grüßen: Warum nicht gleich E-Mails mit dem Füller schreiben? Schließlich lebe die Revolution von verrückten, absurden Ideen und Aktionen. „Schickt die Fußball-Hooligans in die Museen und Kirchen, die Geistlichen in Stadien“. So profitierten alle davon: Bildung und Glaube trifft auf Stimmung und Besinnlichkeit. Warum? Weil der junge Weltanschauer in der Normalität die eigentliche Gefahr unserer verstaubten Gesellschaft sieht. Da kann man als tierischer Veganer schon mal Elektroschocks mit Ökostrom oder Waterboarding in klimaneutralem Wasser von einer ganz neuen Seite betrachten.

Lexikalische Hausaufgaben

Kabarettist Martin Zingsheim schafft es, als Wortakrobat, aber auch mit seiner tollen Gesangsstimme und seinem Spiel am Flügel, Themen des Alltags mit seiner Sprache zu analysieren. Er gibt den Zuschauern mit abstrusen und griffigen Beiträgen lexikalische Herausforderungen mit auf den Heimweg, während er seine Geistesblitze und perfiden Abgründe des Daseins am Rande des Scharfsinns im Duett mit Hermann van Veen und Klaus Kinski brillant zum Besten gibt. Unter dem Strich ist im eigentlichen Sinne alles eh nur eins: Kopfkino.

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