Im Salon Hirscher steht bald die Juke-Box still

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Sie lieben den Rock'n Roll, ihre Musikbox, vor allem aber ihren kultigen Friseursalon: Waltraud und Harald Hirscher. (Foto: ah)
Andy Heinrich

Schluss, aus, vorbei! Seit 1911 gibt es den Friseursalon Hirscher, doch in wenigen Wochen geht diese mehr als 100 Jahre alte, bewegte und ereignisreiche Geschichte zu Ende. Das Ehepaar Waltraud und Harald „Klemmerle“ Hirscher haben zu November vom neuen Besitzer des Hotels Schiffs, in dem das Geschäft von Beginn an seine Heimat hatte, die Kündigung erhalten. Viele Langenargener, aber auch treue Touristen können es kaum fassen: Der wohl älteste und außergewöhnlichste Laden schließt.

Nachdem Anton und Maria Hirscher in der Bahnhofstraße beim Café Klett ihre ersten selbstständigen Schritte unternommen hatten, eröffneten sie 1925 am Marktplatz 1 den gleichnamigen Salon. Nach dem Tode seines Großvaters führte Vater Julius die Geschäfte weiter, während Harald die Mühen und Strengen der Lehrzeit als Friseur erlernte. Schicksal: Im Langenargener Geschäft kam für den Damensalon die frischgebackene Gesellin Waltraud, die später die Ehefrau von Harald Hirscher werden sollte.

„Auf die dringende Bitte meines Vaters entschlossen wir uns nach einigen Differenzen und Auszeiten Anfang der 60er Jahre im heimatlichen Betrieb mitzuarbeiten, was naturgemäß nicht immer gut ging“, erinnert sich Harald Hirscher an wilde und aufmüpfige Zeiten.

So gab es auf Anweisung von Mutter und Vater beispielsweise einen separaten Eingang für die gediegene Stammkundschaft, während das jugendliche Publikum der Nachwuchsfriseure „ums Eck“ den Laden betreten musste. „Die Ansprüche der Damen änderten sich in den 60er-, 70er- und 80er-Jahren. Zu jener Zeit herrschte in Langenargen ein reges gesellschaftliches Leben. Im Schloss und in vielen Hotels spielten Musikkapellen auf, und die Damenwelt, Einheimische wie Kurgäste, ließen sich regelmäßig vor dem Ausgehen kunstvolle Aufsteckfrisuren machen“, schwärmt Waltraud Hirscher. In diesem Metier war sie, ohnehin der Paradiesvogel vom Städtle, in ihrem Element. Egal ob im Jacky-Kennedy- oder im Farah-Diba-Look – Grand-Dame selbst war ihre beste Werbung.

Besonders den Flair der 60er ist auch heute noch in der Damenabteilung zu spüren, die Einrichtung mit Schwenk-Hauben und Frisiertischen von 1965 ist unverändert erhalten.

Die „Herrenwand“ mit Marmorwaschtischen und dunkler Eiche ist das Original-Mobiliar aus der Gründungszeit. Wer sich traut, kann sich mit historischem Werkzeug den Bart schneiden oder die Locken brennen lassen. Ein wahres Museum der Friseurtechnik ist in diesem Salon zu bewundern. Seine ganz persönliche Note hat Harald Hirscher, der „Elvis von Langenargen“, dem Salon mit einer Juke-Box verliehen. Wo sonst gibt es beim Friseurbesuch „Rock Around the Clock“ im 50er-Sound zu hören. Leider nicht mehr lange. (sz)

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