Gedichte von Leiden und Sehnsucht sprechen zum Herzen

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Gedichte jüdischer Autorinnen werden lebendig: Pfarrer Matthias Eidt stellt die Autorinnen vor, Schauspielerin Elinor Eidt spric
Gedichte jüdischer Autorinnen werden lebendig: Pfarrer Matthias Eidt stellt die Autorinnen vor, Schauspielerin Elinor Eidt spricht am Sonntagabend die Texte. (Foto: Helmut Voith)
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„Es pocht eine Sehnsucht an die Welt...“ Unter diesem Titel hat die evangelische Friedenskirche am Sonntagabend zu einer Lesung von Gedichten jüdischer Autorinnen eingeladen. So viele sind gekommen, dass im Gemeindesaal kräftig nachgestuhlt werden musste.

Am Morgen hatte nach dem Gottesdienst die Vernissage der Künstlerin Marlis Glaser stattgefunden, die eine Serie von Bildern nach Gedichten von Else Lasker-Schüler ausstellt (die SZ berichtete). Mag sein, dass die dabei von Elinor Eidt vorgetragenen Kostproben der Gedichte und die Lieder des Kantors Nikola David so gut angekommen sind, dass viele am Abend alle Gedichte und Lieder hören wollten.

Pfarrer Matthias Eidt setzte sich neben die junge Schauspielerin Elinor Eidt: „Das ist meine Tochter, bin ein bisschen stolz.“ Und dazu hatte er allen Grund. Wie Elinor Eidt am Ende des Abends erzählte, sei sie schon in der Schule von Gedichten jüdischer Emigrantinnen total gepackt worden. Die Ausstellung mit den Bildern von Marlis Glaser gab nun den Anstoß für eine neuerliche Auseinandersetzung mit jüdischer Exilliteratur.

Jedes Wort genießen

Elinor Eidt ist ausgebildete Schauspielerin, dennoch ist es keine Selbstverständlichkeit, dass sie so vortragen kann, dass man jedes Wort genießt, die Stimmungen intensiv spürt. Den Gedichten von Else Lasker-Schüler, Nelly Sachs, Rose Ausländer und Hilde Domin ist gemeinsam, dass sie von Frauen geschrieben wurden, deren Existenz aufs Höchste gefährdet war – nicht nur, aber besonders durch den Nationalsozialismus. Es ging um Probleme durch unglücklich verlaufende Liebesbeziehungen, durch Verluste. Else Lasker-Schüler beschrieb den Verlust der Mutter als die Vertreibung aus dem Paradies. Sie entwickelte sich zur Femme fatale, die keine beständige Liebe mehr finden konnte, darunter litt und schrieb, auch wenn Franz Kafka ihr unverblümt sagte: „Ich kann Ihre Gedichte nicht leiden.“

„Wir wohnen Wort an Wort“, sagte Rose Ausländer. „Gedichte schreiben ist eine seelische Bereicherung“, äußerte sich Hilde Domin, die nach dem Tod ihrer Mutter starke Suizidgedanken hatte. Das Leiden an ihrer Umgebung ist den vier Frauen gemeinsam.

Elinor Eidt hat sich intensiv eingelesen. Großartig gestaltet sie die Partitur der Gedichttexte – da ist keine Übertreibung, kein Manierismus, die bei einer jungen Schauspielerin durchaus verständlich wären. Stattdessen eine genau passende Betonung, Pausen an der richtigen Stelle. Selten war die wahre Schönheit von Lyrik so intensiv zu erleben.

Passend war auch die Einführung der einzelnen Autorinnen durch Pfarrer Matthias Eidt und auf anderer Ebene die Lieder, die Nikola David, Kantor der Liberalen Jüdischen Gemeinde Beth Shalom in München, mit wohltönendem Tenor am Klavier dazu sang.

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