Aufwühlende Begegnung zweier Titanen

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In ergreifendem Spiel ließ Herbert Schuch die Spätwerke von Schubert und Beethoven erleben.
In ergreifendem Spiel ließ Herbert Schuch die Spätwerke von Schubert und Beethoven erleben. (Foto: Helmut Voith)
Christel Voith

leich der erste Abend im sommerlichen Reigen der Langenargener Schlosskonzerte dürfte zu den Höhepunkten der ganzen Reihe gezählt werden, denn mit dem 39-jährigen Herbert Schuch war einer der großen Pianisten seiner Generation zu erleben, der längst in die großen Konzertsäle der Welt Eingang gefunden hat – auch er ein Kämmerling-Schüler, der vor zwanzig Jahren regelmäßig bei Peter Vogels Internationalem Festival junger Meister dabei war.

Erstmals hat Peter Vogel selbst in seiner Konzerteinführung die Werke vorgestellt und in ihre Zeit eingebunden, zwei „titanenhafte“ Sonaten in B-Dur, beide kompositorische Vermächtnisse Beethovens und seines Bewunderers und Nachfolgers Franz Schubert.

Nach Begrüßungen durch Gisela von Brauchitsch, Bürgermeister Achim Krafft und den künstlerischen Leiter Peter Vogel setzte sich Herbert Schuch still und gesammelt an den Flügel, und schon nahmen die ersten Takte von Franz Schuberts Klaviersonate Nr. 21 B-Dur D 960 gefangen. Mit reifem musikalischem Ausdruck, reich nuancierter Farbskala und einer Anschlagkultur, die noch die feinsten Pianissimi in den Saal trug, näherte sich Schuch dem musikalischen Gehalt der Sonate, den hochkomplexen Klangbögen. Eine ungeahnte Schönheit entfaltete sich in der Sonate des todgeweihten 31-jährigen, eine Schönheit, die auf alles Virtuosentum verzichtet. Himmlische Glückseligkeit ließ der Pianist in tief verinnerlichtem Spiel erfahren. Wie neugeboren erschien er nach dem entrückten ,extrem verlangsamten Andante im hüpfenden Scherzo, in der lebendigen Freude des Allegrettos, das zur Haupttonart zurückführte. Wie jung doch dieser dem Tode so nahe Schubert noch war.

Zu den geistig anspruchsvollsten Klavierwerken aller Zeiten zähle Beethovens Klaviersonate Nr. 29 B-Dur op. 106 hatte Vogel erklärt, mit seinen riesigen Dimensionen sei es bei der Uraufführung das radikalste seiner Zeit gewesen. Lange galt die „Hammerklaviersonate“ als unaufführbar, ehe Clara Schumann und Franz Liszt sich ihrer annahmen. Eine Grenzerfahrung für Zuhörer wie für Pianisten ist die aufwühlende Sonate mit ihrem tiefgründigen Adagio und ihren harten Kontrasten noch heute. Leidenschaftlich tauchte Schuch in die aufgewühlte Welt des gehörlosen Komponisten ein, machte in nuanciertem Spiel auch lyrischen, heiteren Phrasen Platz. Als Seelengemälde einer leidenden Seele, die sich Trost abringt, malte Schuch das berühmte Adagio. In atemloser Stille lauschten die Zuhörer dem Aufschrei und der Annahme des Schicksals, dem Verglühen und erneuten Aufflackern des Lebenswillens. Ein Herantasten an neuen Lebensmut war der Schlusssatz mit lebhaft sprudelnder, schäumender Brandung, mit sich überstürzenden Läufen. Mit einer trotzigen, halsbrecherischen Fuge ging die Sonate zu Ende. Zur Beruhigung fügte Schuch als Zugabe ein Bachsches Choralvorspiel an. Ein großer Abend war zu Ende.

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