Wo man meint, die Wölfe heulen zu hören

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Lebhafte Physiognomien zeigen Irmela Maiers tönerne Wolfsköpfe in der Kressbronner Lände.
Lebhafte Physiognomien zeigen Irmela Maiers tönerne Wolfsköpfe in der Kressbronner Lände. (Foto: Helmut Voith)
Helmut Voith

Vor der Eröffnung der Ausstellung „hin und weg – Vier aus Ettlingen“ ist die Galerie in der Lände in Kressbronn voll von pulsierendem Leben. In beiden Stockwerken wird eifrig gehämmert und geschraubt.

Wolfsköpfe mit lebhaftem Mienenspiel hängen an der Wand, formiert zum Rudel – an der Wand gegenüber fügen sich weitere Köpfe zu einem zweiten Rudel. Im Raum dazwischen steht ein lebensgroßer Wolf auf Rädern, ein zweiter auf den Kufen eines Schaukelpferdes, Tiere, die man nach Belieben herumschieben kann. Die Künstlerin Irmela Maier berichtet, dass die Wölfe, die schon aus geringer Entfernung wie echt wirken, aus verschiedenfarbigem Ton aufgebaut sind. Wie beim lebendigen Tier lässt man das Streicheln schnell bleiben, denn das Drahtgeflecht über dem geschweißten Gestell ist mit Recyclingmaterial „bekleidet“, genauer mit struppigen Messingspänen. Durch die Materialauswahl sind die fast lebensechten schönen Tiere verfremdet und heischen Aufmerksamkeit. Neben den Wölfen wartet eine ganze Elefantenherde auf aufmerksame Betrachter. Irmela Maier liebt es, den Tieren und ihren Bewegungen, Gebärden und Mienen nachzuspüren.

In der anderen Hälfte des Obergeschosses baut der Holzkünstler Eckart Steinhauser seine Objekte auf, die vertraut und fremd zugleich sind. Was wie ein Paddel bis an die Decke ragt, ist ein überdimensionales Rührstäbchen, wie man sie zum „coffee to go“ bekommt. „Ich wollte gerne das Dach einbeziehen – ,reinpieken’“, sagt er und schmunzelt. Am Boden stehen kleine rote Autos auf Rädern. Spielzeugautos? Eher nicht, denn sie sind mehr oder minder verformt, in sich verwunden und doch fahrbar. Das Durchspielen von Schrägen und Radien findet sich wieder in den „Möbelarbeiten“, ineinander geschachtelten Tischen, Stühlen oder Leitern, die sich zu Skulpturen entwickeln, verdichten. Einige stehen auf Sockeln, andere warten noch darauf, an die Wand zu wandern.

Im Erdgeschoss hat Bodo Kraft, der einzige Maler der Gruppe, seine Bilder aufgehängt. „Atelierwände“ nennt er die raumhohen Gemälde, schmal wie Stelen, exakt gemalt wie im Fotorealismus. Die „Atelierwände“ erzählen Geschichten, greifen auf die Kunstgeschichte und auf seine eigene Geschichte zurück. Sie erzählen die Geschichte des Raumes, von dem, was unter der obersten Schicht verborgen liegt. Bei einigen ist hoch oben noch ein Bild angeschnitten, auch hier ein Zitat aus der Kunstgeschichte, das an Ausstellungen erinnert, bei denen Bilder so weit oben hängen, dass man den Kopf weit in den Nacken legen muss und doch nur die Füße zu sehen bekommt. Auf einem Bild hat Bodo Kraft sich selbst zitiert, eine Rückenfigur von 1979 als Collage hineinkaschiert. An der Wand gegenüber liegen die Kunstwerke noch verpackt auf Paletten: Voré wird erst wenn die anderen fertig sind kommen, um seine Bodenplastiken, seine Torsos, samt Zeichnungen aufzubauen.

Alle vier leben in Ettlingen

Was die vier so verschiedenartigen Künstler verbindet, warum das Team der Lände die vier Künstler aus Ettlingen hier am Bodensee zeigt? Alle vier leben in Ettlingen, wenige Kilometer von Karlsruhe entfernt, wo drei zusammen an der Kunstakademie studiert haben – Irmela Maier hat in Stuttgart studiert. Doch seit Jahrzehnten hat sie mit ihrem Mann Bodo Kraft ein Häuschen am Anleger in Kressbronn, Voré in unmittelbarer Nachbarschaft, während Eckart Steinhauser aus Mariabrunn stammt und oft dorthin zurückkehrt. Schon lange wollten sie gemeinsam am See ausstellen, jetzt hat es geklappt. Ihre Ausstellung lässt aufhorchen – eigentlich nichts Besonderes, denn dass die Ausstellungen in der Lände alles andere als gewöhnlich sind, wissen Insider schon seit Jahrzehnten.

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