Von Arensweiler in die „Großstadt“ Gattnau

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 Walter Schmid spielt außerdem in einer kleinen Band. Mit „Happy Sound“ macht er moderne Kirchenmusik und begleitet bespielsweis
Walter Schmid spielt außerdem in einer kleinen Band. Mit „Happy Sound“ macht er moderne Kirchenmusik und begleitet bespielsweise die Kindergottesdienste. (Foto: Vivien Götz)
Vivien Götz

Ehrenamtliche Helfer bleiben meistens im Hintergrund. Deshalb stellt die „Schwäbische Zeitung“ derzeit immer wieder Menschen vor, die sich in Kressbronn für die Allgemeinheit engagieren. Im dritten Teil dieser Serie haben wir Walter Schmid besucht, der seit 18 Jahren dem Kirchenchor von Gattnau vorsteht.

Es gibt einfach Orte, die zuverlässig das Gefühl vermitteln, hier ist die Welt noch in Ordnung und deren Idylle auch durch beunruhigende 40 Grad Klimawandel-Gluthitze nicht gestört wird. Gattnau gehört zu diesen beschaulichen Plätzchen – wenn das Thermometer hier im Sommer erbarmungslos in die Höhe klettert, dann duften die Schmetterlingsbäume in den Vorgärten einfach ein bisschen intensiver.

Walter Schmid wohnt seit vielen Jahren in Gattnau, in einem dieser alten Bauernhäuser, dessen dicke Wände auch an den heißesten Sommertagen für erträgliche Temperaturen sorgen. Das Haus ist mehr als 200 Jahre alt und beherbergte früher eine Rebmannswerkstatt, weiß Schmid zu berichten. Es ist das Elternhaus seiner Frau. Als das Paar damals eingezogen ist, hat es für sich das Dach ausgebaut. „Ich bin nach Gattnau in die Großstadt gezogen“, scherzt Walter Schmid. Aufgewachsen ist er in Arensweiler, einem kleinen Örtchen östlich von Gattnau, das laut Wikipedia aktuell 16 Einwohner zählt.

Das Engagement für die Kirche begleitet Walter Schmid schon sein Leben lang. Als Jugendlicher fuhr er mit den Ministranten nach Rom und hat auf dem Petersplatz gesungen. Die Gemeindejugend sei damals einfach die größte Jugendgruppe gewesen. Weil das Vereinswesen in den kleinen Dörfern noch in den Kinderschuhen steckte, war die Kirche einer der wichtigste Treffpunkte. „Wer am Sonntag nicht in der Kirche war, der wusste einfach nicht, was in der Woche danach los ist“, erinnert sich Schmid. Der Pfarrer sei damals sogar noch mit ins Zeltlager gefahren. „Wir hatten schon unseren Spaß“, erzählt er lächelnd.

Lebendige Dorfgemeinschaft

Bei der KJG, der katholischen jungen Gemeinde, hat Walter Schmid auch seine Frau kennengelernt. Sie war der Grund, dass er von Arensweiler nach Gattnau gezogen ist. Der Kirche ist er mit seinem Engagement bis heute treu geblieben. Der 55-Jährige sitzt seit mehr als 30 Jahren im Kirchengemeinderat und betreut außerdem das Gattnauer Kirchenarchiv. „Unsere Kirchenbücher reichen zurück bis 1639, für alle die Ahnenforschung betreiben, ist das natürlich ein großer Informationsschatz“, erzählt er stolz.

Gattnau ist eines dieser Dörfer, aus dem die Metzger, Bäcker und Tante-Emma-Läden mit der Zeit verschwunden sind. Zwei Gasthöfe gibt es zwar noch, aber der Ort wirkt auf den ersten Blick verschlafen. Die Dorfgemeinschaft sei jedoch nach wie vor sehr lebendig, betont Schmid. Der Kirchenchor freue sich zwar immer über neue Mitglieder, sei aber auf keinen Fall vom Aussterben bedroht. 43 Mitglieder zwischen 35 und 85 Jahren, das sei für einen kleinen Ort wie Gattnau schon beachtlich. „Wir sind einfach eine tolle Truppe“, sagt Walter Schmid. Die Nachwuchssorgen halten sich also in Grenzen. „Das liegt einfach daran, dass jeder jeden kennt und die Jungen genau wissen, wer da im Chor alles mitmacht und deshalb auch gerne dazukommen“, erklärt er.

Vielleicht trägt auch die Abgeschiedenheit Gattnaus zu diesem Gemeinschaftsgefühl bei. Rund anderthalb Kilometer außerhalb von Kressbronn gelegen thront das Dörfchen mit seiner alten Kirche auf einer Anhöhe, regelmäßigen öffentlichen Nahverkehr gibt es nicht. Mit dieser Abgeschiedenheit scheinen sich die Gattnauer gut eingerichtet zu haben. Der Kirchenchor veranstaltet jährliche Ausfahrten, eine Nikolausfeier und sogar einen Fasnetsball. Und auch im Rest des Dorfes ist vom Sommerfest bis zum Winterfeuer immer etwas geboten.

„Bei uns sind das Einkehren und die Gemeinschaft genauso wichtig wie das Singen“, erklärt Walter Schmid. Gemeinschaft pflegen – ein Rezept, das nicht nur dem Kirchenchor zu bekommen scheint, sondern ganz Gattnau lebendig hält.

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