Vergeblicher Kampf des Individuums

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Kurz ist die Freude über den durchgesetzten Fernsehnachmittag - schon macht Oberschwester Ratched (rechts außen) ihm ein Ende.
Kurz ist die Freude über den durchgesetzten Fernsehnachmittag - schon macht Oberschwester Ratched (rechts außen) ihm ein Ende. (Foto: hv)
Schwäbische Zeitung
Helmut Voith

Eine unter die Haut gehende, aufwühlende Inszenierung des Kultstückes „Einer flog über das Kuckucksnest“ hat die Schwäbische Zeitung am Mittwochabend bei der Generalprobe der „Mixed Pickles“ unter der bewährten Regie von Ute Dittmar erlebt. Die Premiere in der Aula der Nonnenbachschule ist heute Abend um 20 Uhr.

Dale Wassermans Stück nach dem Roman von Ken Kesey, das durch die Verfilmung von Miloš Forman mit Jack Nicholson ein Millionenpublikum erreichte, hat noch immer nichts von seiner Faszination verloren. Besonders wenn es von einer Regisseurin inszeniert wird, die sich mit der Wangener Gruppe „Phoenix on stage“ schon vor gut zehn Jahren intensiv mit der Problematik auseinandergesetzt hat, wie gedemütigte, entmündigte Menschen zuletzt doch sich selbst finden. Es habe lange gedauert, sagt Ute Dittmar, bis sie sich erneut an das Stück wagte, doch jetzt hat sie die Kressbronner Laienspieler zu einem überzeugenden Ensemble formen können: Alles ist aus einem Guss, keine Schwachstellen zu finden. Die Lebendigkeit des Spiels macht betroffen.

Die Story ist bekannt: Der Neuankömmling Randle P. McMurphy, der sich statt in ein Arbeitslager lieber in eine psychiatrische Anstalt einweisen ließ, bricht hemdsärmelig in die wohlbehütete, wohlgelenkte Welt ein. Doch als er erlebt, wie dort die Patienten fertiggemacht und ruhiggestellt werden, erkennt er mehr und mehr die Aufgabe, sie wachzurütteln, aus ihrer Lethargie zu reißen. Spielerisch nimmt er den Kampf gegen die Oberschwester auf, die mit allen Mitteln ihre Macht verteidigt, bis der Kampf immer ernster und härter wird.

Sebastian Dix zeigt die Wandlung vom Hallodri zum Mann, der seine Verantwortung erkennt und erwachsen wird, ein echter Mann, ein Held, wie man sie in den USA liebt. Seine Gegenspielerin Mrs. Ratched bringt Nadja Lan als hinterhältiges, fieses Stück auf die Bühne, eine kalte Frau, die mit leisen, suggestiven Tönen ihre Macht auslebt. Zu wahrer Größe findet Häuptling Bromden, der dem Freund einen letzten schmerzlichen Liebesdienst erweist, um dem zum geistigen Krüppel Gemachten seine Würde wiederzugeben. Intensiv lässt Peter Honold die Halluzinationen und das Erwachen des vermeintlich Taubstummen miterleben. Um diese drei Hauptfiguren herum agiert ein lebendiges Ensemble mit einem Mosaik aus vielen subtilen Einzelbeobachtungen. Jede Rolle ist individuell angelegt, vom resignierten Arzt über den unter seinem Mutterkomplex leidenden Billy bis zu den ebenfalls gedemütigten Pflegern: Jedem und jeder kann man zusehen, Neues entdecken und staunen, was mit Laien möglich ist. Die lange Zusammenarbeit der Gruppe mit ihrer Regisseurin hat herrliche Früchte hervorgebracht. Es wird schwer werden, im nächsten Jahr Adäquates auf die Bühne zu bringen.

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