Uni Konstanz geht auf Tauchstation vor Kressbronn

Lesedauer: 6 Min
Schwäbische Zeitung
Angelika Banzhaf

Wie ist der ökologische Zustand samt Strömung am Ufer des Bodensees in Kressbronn vor der Uferrenaturierung, und wie sieht er nach der Uferrenaturierung aus? Dieser vergleichenden Frage geht ein Projekt der Uni Konstanz nach, die vor Kurzem entsprechende Messgeräte auf dem Grund des Bodensees installiert hat. „Das dürfte sehr spannend werden“, ist sich Hilmar Hofmann von der Uni Konstanz sicher. Ziel des interdisziplinären Projekts ist es, Wissenschaftler unterschiedlicher Fachrichtungen mit Nutzern und Anwendern aus den Anrainer-Ländern, Bodenseegemeinden und Wasserbehörden zu vernetzen, um gemeinsam Wege zu intakten Ufern zu erarbeiten.

Taucher können derzeit vor Kressbronn nicht nur Fische und Algen beobachten, sondern auch seltsame Gerätschaften auf dem Grund: Diese hat ein Team von Forschern installiert, weitere sollen folgen. Sie zeichnen auf, wie sehr sich Sedimente und Gerölle in diesem Bereich bewegen und welche Auswirkungen das auf Lebewesen und Pflanzen hat.

Hinter dem Projekt steht Hilmar Hofmann, der Leiter des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung mit 1,2 Millionen Euro geförderten Verbundprojekts „HyMoBioStrategie“. Das am 1. April 2015 gestartete interdisziplinäre Projekt untersucht unter dem Motto „Strandgut.Alles gut“ an sechs Abschnitten des nördlichen Ufers des Bodensees die Auswirkungen eben dieser hydromorphologischen Veränderungen von Seeufern.

Laut Hofmann stehen im Blickfeld Ufermauern, Hafenanlagen, Uferumgestaltungen (wie Renaturierungen), Kiesschüttungen (Sicherung von archäologischen Fundstellen), aber auch veränderte Flussmündungen. Sie können Einfluss auf Wellen und Strömungen, den Feststoffhaushalt, die Unterwasservegetation und Unterwasserfauna der Uferzone nehmen. Der Forscher geht davon aus, dass die Studie, die bis zum 31. März 2018 andauert, auch während der neuen Ufergestaltung in Kressbronn durchgeführt wird. „Das ist für uns total spannend. Wann bekommt man schon solch eine Gelegenheit geboten?“, freut sich der Projektleiter. Für ihn sind die Untersuchungen vor allem deshalb von großer Bedeutung, da im Anschluss durch den Einsatz neuer Techniken eine bessere Datenbasis geschaffen wird, die für alle Akteure vor Ort wie Anwohner, Gemeinde und das Regierungspräsidium von Interesse sind.

„So etwas hat es bisher noch nie gegeben“

Dazu werden unter anderem 3D-Modelle zur Hydro- und Morphodynamik und Gerölltracer entwickelt, die abbilden können, wie stark sich die Sedimente und Gerölle bewegen und wie stark damit der Feststofftransport in der Flachwasserzone ist. „So etwas hat es bisher noch nie gegeben, das ist ein starker Fortschritt“, weiß Hofmann aus seiner bisherigen Arbeit. Die neuen Erkenntnisse können bei künftigen Planungen berücksichtigt und in Maßnahmenprogramme integriert werden. „Ich bin mir des Brennpunkts Kressbronn sehr bewusst, sind doch von beiden Seiten starke Interessen vorhanden“, sagt der Forscher von der Uni Konstanz. Positionieren will er sich jedoch nicht. Sein Fokus liegt auf den Untersuchungsergebnissen, die eine möglichst große Bandbreite an Informationen an den Tag liefern sollen.

Auf die Ergebnisse ist natürlich auch die Gemeinde Kressbronn gespannt, wie Andreas Wenzler (Technischer Leiter) auf Anfrage mitteilt. Er blickt voraus: „Wir werden die Ergebnisse entsprechend in Maßnahmen einarbeiten und umsetzen.“

UNESCO-Welterbe im Bodensee bedroht

In den vergangenen Jahrzehnten soll in Alpenseen eine zunehmende Erosion der Sedimente in der Flachwasserzone beobachtet worden sein, sagt Hilmar Hofmann der Uni Konstanz. Im Bodensee seien zwei archäologische Unterwasserdenkmäler, die zum UNESCO-Welterbe gehörten, bedroht: Sipplingen und Unteruhldingen, jeweils östlich des Hafens. In Unteruhldingen werde eine verstärkte Erosion der Decksedimente, die die Pfähle und Kulturschichten schützen, festgestellt. Die Erosion der Sedimente sei, so die Vermutung, auf hydromorphologisch wirksame Eingriffe des Menschen zurückzuführen. Hierzu zählten Uferzonen von Seen, Hafenanlagen und Uferverbauungen. Auch Wassersport samt Schifffahrt würden Wellen, Strömungen und Feststoffhaus-halt samt Unterwasserfauna und -vegetation beeinflussen.

Das Verbundprojekt HyMoBioStrategie wird von einem interdisziplinaren Team, das aus der Universität Konstanz mit dem Limnologischen Institut, dem Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg im Regierungspräsidium Stuttgart, dem Fraunhofer Institut für Biomedizinische Technik, der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg mit dem Langenargener Institut für Seenforschung und der Lana Plan GbR besteht, durchgeführt. Beteiligt sind zudem das Regierungspräsidium Tübingen, die Gemeinden Kressbronn und Hagnau, die Internationale Gewässerschutzkommission für den Bodensee, das Landesamt für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz Brandenburg, das Bayerische Landesamt für Umwelt, das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege und das Amt für Archäologie des Kantons Thurgau.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen